Wulff ruft an!
Es war kurz nach der Jahreswende, mein Handy klingelte und jemand sagte: „Jaaa, also hier ist Wulff“. Spreche ich mit Herrn Ruckes?“ Es folgte ein Telefonat, dessen Textverlauf mir freundlicherweise von der BILD-Zeitung zur Verfügung gestellt wurde, nachdem diese sich das mitgeschnittene Telefonat vom Verfassungsschutz besorgt hatte.
Wulff: „Es geht um Presseberichte über mich, ich werde im Moment ziemlich übel zugerichtet und suche jemand, der mal was Nettes über mich schreibt. Könnten Sie mir da helfen, Herr Ruckes?“
Ruckes: „Kommt darauf an, was Sie möchten und was Sie dafür geben“.
Wulff: „Ich möchte ein paar Sachen loswerden, die mir peinlich sind und dann möchte ich auch gerne lesen, dass ich eigentlich ein netter Kerl bin, mit Fehlern wie wir alle und gerne noch lange Präsident wäre. Wenn Sie das freundlich schreiben, würde ich Sie auch zu einem guten Glas Rotwein beim Sommerfest auf Schloss Bellevue einladen“.
Ruckes: „Rotwein ist gut, ob ich die ganzen Polit-Pfeifen auf dem Sommerfest sehen will, weiß ich nicht, aber erzählen Sie mal“.
Wulff: „Also die Sache mit dem Kredit und den Gratis-Urlauben kennen Sie ja. Ich habe aber auch früher mal die Versicherung übers Ohr gehauen. In meiner alten Wohnung war das Wasser aus der Waschmaschine des Mieters über mir ausgelaufen und bei der Renovierung auf Kosten der Versicherung habe ich auch gleich Küche und Bad mitstreichen lassen. Und als niedersächsischer Ministerpräsident habe ich meinen Fahrer immer mit dem Dienstwagen losgeschickt, um Bier- und Wasserkästen im Getränkemarkt zu holen. Das Schlimmste aber: Wenn es einen Empfang gab, habe ich die Reste vom Buffet mit einem Taxi in meine Privatwohnung transportieren lassen und so den eigenen Kühlschrank aufgefüllt. Aber trotzdem bin ich doch ein guter Bundespräsident oder nicht?“
Ruckes: „Mensch Wulffi, tritt Dir doch nicht in den präsidialen Frack: Das haben wir doch alle schon mal gemacht, die Versicherung beschissen, Kugelschreiber eingesteckt oder sonst was. Du bist ein echter Präsident des Volkes, genauso farblos und kleinbürgerlich auf Vorteile bedacht wie die große Mehrheit der Bevölkerung und deshalb bist Du als Bundespräsident die Idealbesetzung. Sollen wir uns etwa einen philosophierenden Intellektuellen oder noch schlimmer eine Frau auf diesem Posten leisten? Wir brauchen dort unteres Mittelmaß und deshalb musst Du Präsident bleiben.
Komm einfach ein paar Monate nach Bonn in deinen Zweitwohnsitz, die Zweitwohnsitzsteuer zahlt ja der Steuerzahler für Dich. In Bonn kannst Du die Presse aussitzen, hier kennt Dich keiner und Du fällst nicht mal im ‚Il Punto‘ auf. Es gibt bestimmt ein paar Leute, die Dir einen ausgeben, außerdem verzeihen die Rheinländer nahezu alles, wenn man gebeichtet hat.
Ich werde das so schreiben und mich für Dich stark machen. Zum Sommerfest komme ich allerdings nicht, Du kannst mir ja ein paar Flaschen Rotwein schicken“.
Wulff: „Da bin ich aber sehr dankbar, ich muss nur noch einen Sponsor für den Rotwein suchen, dann melde ich mich wieder“.
Nach dem Ende des Telefonats war ich mir nicht mehr ganz sicher, ob der Anrufer tatsächlich der Bundespräsident war oder der Chef-Stimmenimitator der BILD-Zeitung. Aber wer kann sich in dieser Republik überhaupt noch sicher sein?
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