Ein Ruck(es) geht durch Bonn ...


Die Dankesrede von Peter Brust wurde zu einem bitteren Rundumschlag. Foto: Erhard Paul / Express

Es war bunt, es war laut, es war Karneval.

von A. LaafNeues aus der Provinz: Zum Abschluss der diesjährigen Session wurde es doch noch richtig lustig. Beim Kehraus erhielt Alt-Karnevalist und Musiker Peter Brust („Vier Sterneburger“ und „Die Zwei mit dem Dreh“) den Ehrenorden des Festausschuss Bonner Karneval. Orden hin, Orden her, der 88-jährige Brust schmiss sich in dieselbe und hielt einen knackigen Anschissvortrag an die versammelten Humor-Funktionäre.

Dabei rasierte er u.a. Bonns importierten Vorzeige-Rheinländer, den inzwischen omnipräsenten Konrad Beikircher. Der Kabarettist hatte kürzlich im Rahmen der Lärmdiskussion „Bonner, wo ist euer Stolz?“ gefragt, was Lokalpatriot Brust überhaupt nicht förderlich fand: „Was will uns ein Südtiroler über Karneval erzählen? Das wäre genauso, als wenn ich Marlies Stockhorst nach Südtirol zum Jodeln schicke.“

Mit diesem ernst gemeinten Satz erntete Brust brüllendes Gelächter, wohl auch, weil viele Zuhörer sich an der Vorstellung einer jodelnden Chefin des Festausschusses ergötzen konnten. Schon vor wenigen Wochen gab es eine interne Diskussion über zukünftige Entwicklung im Karneval, wo Alt und Jung nicht unbedingt einer Meinung waren. Multi-Kulti-Karneval scheint nicht Jedermanns Sache zu sein, überhaupt weiß niemand so genau, wohin der Karneval eigentlich läuft. Fest steht: Er entwickelt sich in verschiedene Richtungen und alle haben neben guten auch schlechte Argumente für ihr jeweiliges Verständnis von Karneval.

Büttenreden im alten Stil werden immer weniger, teurer musikalischer Einheitsbrei von kölsch geprägten Bands immer mehr und das Abpumpen von Alkohol in seiner geschmack-losesten Form (Wodka mit Bremsflüssigkeit) erreicht bei Jugendlichen neue Rekordmarken.

Von der ursprünglichen Intention des Karneval, der Veräppelung der Obrigkeit und der Karikierung alles Uniformierten bis zum Holzgewehr ist nichts geblieben. Im Gegenteil: Gerne schmeissen sich Alaaf-Funktionäre an die ‚hohe’ Politik, hängen Orden an langweilige Betonköpfe und sonnen sich in deren zweifelhaftem Glanz.

Eitelkeit ist eine kräftige Triebfeder im Karnevalsgeschäft und bei der Suche nach Originalität um jeden Preis machen sich viele einfach nur noch gnadenlos lächerlich. Gelobt sei da der Aschermittwoch, an dem aber leider nicht alles vorbei ist, denn erstens geht es am Elften im Elften wieder los und zweitens zeigt sich inzwischen auch ein Trend zum Sommer-Karneval mit allem, was dazu gehört: Maskerade, Lärm und Geschäftemacherei.

Der Bonner Festausschuss bemüht sich um Lufthoheit über alles, was irgendwie mit Karneval zu tun hat. Dabei sind Mundartpflege in Schulen und historische Bezüge sehr zu loben, die Kommerzialisierung schon weniger und die hirnfreie Sauferei des hoffnungslosen Nachwuchses werden auch Marlies Stockhorst und Stefan Eisel nicht in den Griff bekommen. Das Prekariat auf den mit Glasscherben übersäten Strassen fühlt sich offensichtlich wohl in seiner ‚Wildpinkler-Lounge’ und frönt öffentlich niedersten Instinkten.

Was hat das mit Karneval zu tun? Nichts, aber es findet immer an Karneval statt, dem Termin, den allzu viele inzwischen mit einem Freibrief für übles Benehmen verwechseln.

Und Konrad Beikircher und Peter Brust, was haben die beiden mit Karneval zu tun? Beide haben recht, auf unterschiedliche Art: Brust mit seiner Aussage, „...dat et fröher besser wor“ und Beikircher mit seiner Analyse rheinischer Schwächen und Eigenarten. Warum ist eigentlich kein Rheinländer auf Beikirchers Erkenntnisse gestossen? Weil der Rheinländer eben gerne ‚machen lässt’ und bekanntlich ist es ja auch „...immer jot jejange!“ Ich ärgere mich jedenfalls schon lange, dass ich als gebürtiger Rheinländer nicht auf Beikirchers Ideen gekommen bin und wahrscheinlich geht es Peter Brust ebenso.

Da bleib ich lieber eingefleischter Anti-Karnevalist: Lachen und trinken kann ich auch das ganze Jahr über, ohne uniformiert in einem Verein herum zu laufen oder mit der Schnapsflasche auf der Strasse herum zu stehen.

Alaaf, helau, ahoi, aloa oder sonst irgendwas!