Satire


Protest-Biotop

„Der hört das Gras wachsen!“ Diese ebenso betagte wie dämliche Redensart soll besagen, daß jemand Hintergründe und Zusammenhänge früh genug erkennt oder auf speziellen Kanälen bestens informiert ist.

Ich gehöre nicht zu dieser Spezies, im Gegenteil: Ich höre nur, wenn das gewachsene Gras abrasiert wird, im Sommer nahezu täglich. Auf dem Land in einem frei stehenden Bungalow zu wohnen ist sehr angenehm. Umgeben von grünem Gras und größeren Weiden auf der einen Seite, von ebenfalls frei stehenden Häusern in der Nachbarschaft auf der anderen Seite. Auch die Nachbarn haben viel Gras ums Haus und das muss schon aus Prestigegründen kurz gehalten werden wie der heilige Rasen im Wembley-Stadion. Und während auf der einen Seite auf den Weiden das Gras geräuschlos von den dort grasenden Pferden abgefressen wird, knattern auf der anderen Seite alle möglichen Geräte, die der Baumarkt für die Gartenpflege anbietet: Rasenmäher, Traktor-Rasenmäher, Kettensäge, Laubbläser, Vertikutierer, Häcksler, Rüttler, Kärcher.

Wie soll ich mich verhalten, wenn ich mein Tagwerk mal auf der Terrasse in Ruhe verbringen möchte? Soll ich die Nachbarschaft auf gesetzlich vorgeschriebene Rasenmäher-Zeiten hinweisen? Dann werde ich zum neurotischen Fiesling im Dorf. Soll ich wieder in die Bonner Altstadt ziehen und mir dort den Lärm der nächtlichen Kneipengänger anhören? Nein, ich mache nichts und nichts bedeutet, ich mähe auch meinen eigenen Rasen nicht mehr. Ich lasse ihn jetzt so hoch wachsen, dass sich zur Not ein Eimbrecher in der Nachbarschaft darin kurzzeitig verstecken kann und schaffe gleichzeitig ein sogenanntes „Protest-Biotop“.

Sie denken jetzt, ich hätte sonst keine Sorgen? Da haben Sie aber nicht ganz unrecht.