Zeitgeist


Sein oder Schein?

‚Sein oder Schein’ oder ‚Schein oder Sein'?

Von Karl L. Agerfeld

Mehrere Frauen haben mir in meinem Leben gesagt, ich solle etwas mehr auf passende Kleidung achten. Solche Ansagen habe ich immer mit einer mir eigenen Mischung aus Verständnislosigkeit, Beleidigtsein und unterschwelliger Entrüstung registriert: Eben passend zu meiner Kleidung.

Als wandelnden Kleiderständer für irgendwelche „brands“ habe ich mich nie verstanden und deshalb auch ein absolutes ‚Null’-Verständnis, wenn sich unsere hoffnungsvollen ‚kids‘ auf dem Schulhof gegenseitig wegen angeblich falscher Kleidung mobben und dabei auch noch ihre sozialen Herkünfte ansprechen. Wer seinen Sozialstatus mit dem Namenszug eines Klamotten-Schneiders belegen will, ist eigentlich eine arme Sau, die mit seinem gestylten Äußeren von sonstigen Defiziten ablenken will bzw. muss.

Und so treffe ich dann häufiger auf elegant gestylte Damen und Herren, die so lange ein Hingucker sind, bevor sie ihren Mund öffnen und schon mit wenigen Sätzen sich selbst enttarnen: Als relativ hirnfreie Mode-Dackel. Dennoch respektiere ich diese Leute: Jeder braucht doch eine Performance, um sich irgendwie individuell und nicht langweilig zu präsentieren.

Ein befreundeter Rechtsanwalt trägt vornehmlich englische Tweed-Sakkos, lädt zu Hauskonzerten und pflegt britischen Herrenclub-Lifestyle. Englisch spricht er nicht und um 18 Uhr trinkt er auch keinen Scotch, weil er mittags schon etwas anderes getrunken hat. Das befähigt ihn für den Rest des Tages zu rhetorischen Satz-Fragmenten, die inhaltlich und grammatikalisch auf dem Schulhof-Level der oben beschriebenen ‚kids‘ liegen. Mir wirft er immer vor, ich würde mich zu schlicht kleiden.

Ich kaufe meine Klamotten in Bonner Bekleidungsläden am Marktplatz, billig sind die nicht, aber man kann es vor Ort anziehen, prüfen ob es passt und gewinnt auch sofort den Eindruck, ob es einem steht. Wahrscheinlich habe ich aber einfach keinen besonders ausgeprägten Modegeschmack, da hatten die mich scheltenden Damen wohl Recht und wie mein Anwalt meine Garderobe findet ist mir ebenso gleichgültig wie ein im 73. Stock des Empire-Buildings in New York klemmendes Rollo.

Letztlich entscheidet jede(r) selbst, womit er/sie sich blamiert: Das funktioniert mit extravaganter Kleidung und natürlich auch mit dümmlichem Geplapper. Da bleibt in diesen wirren Zeiten nur noch der Wunsch: Bitte mehr ‚brain‘ als ‚brand‘!