Kultur


Rheinisch ist nicht platt

Sterben Dialekte aus?

Von Erwin Ruckes

Rheinischer Dialekt wird auch „Platt“ genannt: Kölsch-Platt, Bergisch-Platt, Bönnsch-Platt, Düsseldorfer Platt. Nichts ist vielfältiger als ein Dialekt und der Rheinische kann sich sogar nur ein paar Kilometer voneinander entfernt unterscheiden. Neben den geographischen Unterschieden gibt es auch weitere Blickwinkel: Wer spricht rheinisch? Hier Geborene oder auch Hinzugezogene? Gibt es soziale Unterschiede? Spricht man rheinisch nur privat oder auch beruflich?

Unterschiedliches Image von Dialekten

Bayern liegt in Deutschland vorne: Zumindest was Fussball und Dialekt angeht. ‚Bayerisch' zu reden oder nachzuahmen gilt als ‚hip‘ und auf unzähligen Oktoberfesten von Sylt bis zum Bodensee, von Trier bis Görlitz kommt nicht nur krachlederne Kost auf den Tisch, sondern auch krachledernde Sprache an den Tisch. Gängige Sprüche wie „z'dick bist net aba für dei gwicht z'kloa“ (rheinisch übersetzt: "zo deck beste net, äwwer für ding Jewisch beste zo kleen") und lautes bayerisches Gesangsgedudel dulden keine Zwischentöne. Die früher zahlenmäßig starke Berufsgruppe bayerischer Holzfäller hat auch im bayerischen Dialekt markante Spuren hinterlassen. Wobei: Ziselierte, feinsinnige Sprachwendungen findet man auch in anderen Dialekten eher selten. Es ist ja gerade die direkte Art, welche regionalen Sprachen zu einer offenen und ehrlichen Kommunikation verhilft. Davon profitieren Heimatbühnen in der ganzen Republik und zu den bekanntesten dieser Art zählten immer das Hamburger ‚Ohnsorg-Theater‘ und natürlich die Kölner Schwankbude ‚Millowitsch-Theater'. Die Themen in den Stücken der Dialekt-Theater sind ‚mitten aus dem Leben' und überwiegend bei den Freuden und Leiden des Normalbürgers angesiedelt.

Das zeigt auch schon einen deutlichen Bezug zum sozialen Umfeld von Dialekten, der sich besonders ausgeprägt beim ‚rheinischen Verzäll' darstellt: Es geht meist um Nachbarschafts- und Berufsprobleme der breiten Schicht im Alltag und da geht es eben nicht gekünstelt zu. Mit dem rheinischen Spruch „Isch glöv, Du häss en Pann kapott" ist viel Eindeutigeres über die Einschätzung des ‚A' über ‚B' gesagt als mit dem Satz: „Ich bin mir nicht sicher, ob Sie zu dieser Frage eine kohärente Einstellung haben".

Wer spricht rheinisch?

Zu meinen Gymnasiums-Zeiten in den sechziger Jahren galt ‚rheinisch' als unfein. Meine leicht elitären Mitschüler und Söhne vermögender Eltern aus der ganzen Republik sprachen hochdeutsch und ein rheinischer Knabe aus dem Kleinbürgertum wurde da aufgrund seines Dialekts eher etwas abschätzig betrachtet. Das war sogar zu verstehen, weil in größeren rheinischen Städten die rheinische Sprache mehr in den Arbeitervierteln gesprochen wurde. Franz-Josef Degenhardt vertonte diese Sozialstruktur in seinem berühmten Song von den ‚Schmuddelkindern' („Geh nicht in die Unterstadt"). Die Zeiten, in denen der rheinische Dialekt die Sprache der ‚Ärmeren und Ungebildeteren' war, ist längst vorbei. Heute bemühen sich viele Zugezogene aus dem Inland und teilweise auch aus dem Ausland in nahezu rührend anmutenden Integrationsbemühungen den rheinischen Dialekt nachzuahmen. Und einer hat es dabei sogar geschafft, auf höchst unterhaltsame Art und Weise den Rheinländern nicht nur den Spiegel ihrer Sprache, sondern auch den Spiegel ihrer damit verbundenen Mentalität vorzuhalten. Der aus Südtirol stammende ‚angelernte Rheinländer' Konrad Beikircher amüsiert seit vielen Jahren das Publikum mit seinem ‚rheinischen Dress'. Tolerant bzw. bequem, wie Rheinländer nun mal sind, sehen sie ihm dabei auch den einen oder anderen ‚rheinischen Sprachfehler' nach: „Ejal, wat der verzällt, irjenswie hät hä jo rääch".

Das Bemühen auch ausländischer Mitbürger, an der rheinischen Sprache und ihrer Seele teilzuhaben, bleibt mir bei einer Episode aus den achtziger Jahren für immer in Erinnerung. Ein afrikanischer Krankenpfleger aus Obervolta mit tiefschwarzer Hautfarbe, mit dem ich damals öfter Skat spielte, erregte sich nach einem verlorenen Spiel über einen Mitspieler mit dem Satz: „Wo senn mer dann he, em Kongo? Du spels wie en Trööt"(Wo sind wir denn hier. im Kongo? Du spielst wie eine Tröte).  Ein nahezu perfektes Beispiel gelungener Integration! 

Gewisse rheinische Sprachreservate gibt es aber immer noch. So findet man das Idiom deutlich stärker in Gasthäusern des Vorgebirges oder anderen Teilen des Rhein-Sieg-Kreises als in schicker City-Gastronomie. In den dortigen ‚Lounges' geht es eher "denglisch" zu, jene verquaste Kombination von deutscher und englischer Sprache, garniert mit ein paar Ausdrücken aus dem Fachidiotentum sowie derzeit modernen Floskeln wie „Sehr gerne" oder „Lieben vielen Dank". Gegenüber so viel seelenlosem Gesülze loben wir uns doch die Authentizität des unverfälschten Rheinisch, das meist schneller auf den Punkt kommt und ehrlicher ist als Konversations-Schnickschnack ohne Punkt und Komma.

Rheinisch im Karneval

Ein Reservat des rheinischen Dialekts war, ist und bleibt der rheinische Karneval. Das hat natürlich historischen Bezug, weil des Rheinländers liebste Festzeit ebenfalls in den breiten Schichten des Kleinbürgertums fest verwurzelt ist. Bei klassischen Karnevalsveranstaltungen (Sitzungen, Empfängen, Umzügen etc.) gehört der rheinische Dialekt zum ‚guten Ton'. Er demonstriert Volksnähe, Bodenhaftung, Vertraulichkeit und vermittelt eine ‚Unter-uns-Mentalität'. Dabei ist erstaunlich, wie viele nicht im Rheinland Geborene und Hinzugezogene (‚Immies‘ sprich Immigranten) sich am Karneval erfreuen und dabei – mitunter angestrengt – auch die rheinische Sprache pflegen. Das führt auch schon mal zu unfreiwilligen Lacherfolgen, wenn dabei ‚Rheinisch mit Knubbeln' heraus kommt. So nennt man Formulierungen, über die sich der echte Rheinländer amüsiert, weil der Dialekt falsch ausgesprochen wird oder sich hochdeutsche Formulierungen dazwischen geschoben haben („Herr Doktor, mir det et Kreuz wieh, ich glöv, ich tät mich heut im Berufsleben etwas schwer. Können se mir net irjend en Therapie aufschreiben, damit ich zu Haus blieve kann?").

In dem Bemühen, Karneval mehr als eine Endlosreihe von Humtata-Veranstaltungen zu sein, initiierte der Festausschuss Bonner Karneval unter seiner nimmermüden Präsidentin Marlies Stockhorst das Projekt ‚Bönnsch füe Pänz‘. Dabei wird Bönnschunterricht an Bonner Grundschulen angeboten und vermittelt den Kindern spielerisch und kindgerecht die bönnsche „Mottersprooch". Dabei geht es um Brauchtum, Traditionen, die Stadtgeschichte und alles, was Bonn originell und liebenswert macht. Ebenso zählt dazu das bei den Schülern beliebte gemeinsame Singen rheinischer Lieder. Anhand der Lieder werden Wörter, Aussprache und der für das Rheinische so wichtige Sprachschwung (,rheinischer Singsang') erklärt. 

Sterben Dialekte aus?

Erschweren Dialekte die Verständigung zwischen Nord und Süd, Ost und West, sind sie untauglich in Zeiten der Globalisierung oder sind sie nur noch Relikte älterer Generationen? Weder noch: In Dialektwettbewerben, aber auch Dialektunterricht in der Schule und in den elektronischen Massenmedien sowie Dialektkolumnen in Tageszeitungen leben regionale Sprachen und erfreuen sich großer Beliebtheit. Dialekt hat viel mit Heimatgefühl und eigener Identität zu tun. Wer mit dem Zug längere Strecken durch Deutschland fährt, erlebt ,sprachliches Terroir' nach jedem Bahnhofshalt, wenn Leute aus verschiedenen Regionen zusteigen. Dennoch schwindet der aktive Gebrauch auch des rheinischen Dialekts und wird nie mehr die Bedeutung früherer Jahrhunderte erlangen. Aber auch wer keinen Dialekt mehr spricht, versteht ihn meist zu grossen Teilen und hört ihm gerne zu. Mehrsprachigkeit in Deutschland bedeutet heutzutage also neben Englisch, Französisch und Spanisch auch den aktiven oder zumindest passiven Gebrauch von Dialekten.

Rheinischer Singsang

Die sprachlichen Eigenheiten des rheinischen Dialektes kann man anhand seiner Lautung feststellen. Neueste Forschungen zeigen, dass die als ,rheinischer Singsang' bezeichnete Satzmelodie oder Satzrhythmus eher in der Lage ist, die Eigenheiten dieses Dialektes zu beschreiben. Darunter versteht man eine Art Melodieführung in den Sätzen, die sich ähnlich wie in der Musik beinahe schon in Tonhöhen und Pausen angeben lassen. Neben der Sprachmelodie, die typisch ist für das Rheinische, gibt es auch auf der Ebene der Lautung einige "Jrundrejeln"(Grundregel): ,G‘ wird meist zu ,J‘. Verewigt ist dies in einem der bekanntesten Sätze des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, in dem er eine eigene politische Meinungsänderung beschrieb: „Herr Kolleje, wat interessiert mich mein Jeschwätz von jestern?"


Sprachliche Emanzipation hat sich in der rheinischen Sprache auch noch nicht so richtig durchgesetzt, da werden Frauen schon mal zu Sachen, zumindest was den Artikel angeht: Wenn im Rheinland ,die Uschi' spazieren geht, so heißt das: „Dat Uschi jeht spazeere'. Der weibliche Artikel wird also durch den sächlichen Artikel ersetzt. 
 Andererseits gibt es sogar Wörter, die den Einzug in die deutsche Hochsprache geschafft haben. Dazu zählen so wichtige Begriff wie ,Knöllchen‘ (Bußgeld) oder ,Flachmann‘ (kleine Schnapsflasche) aus dem Dialektraum um Köln. Mit dem Buchstaben ,T' steht das Rheinische auf Kriegsfuss und lässt ihn deshalb meistens weg. Schöner Satz zu dieser Buchstabenunterdrückung: „För Löck met Jisch is Nachluff Jiff“ (übersetzt: Für Leute mit Gicht ist Nachtluft Gift.)

Und nicht zuletzt wird das leicht chaotische Grundelement in rheinischen Seelen auch in der Schreibweise der verschiedenen rheinischen Dialekte deutlich: Einzig das Durcheinander ist perfekt, eine einheitliche oder gar verbindlich ,richtige' Schreibweise gibt es nicht. Auch in der Rechtschreibung gilt im Rheinland eben: „He määt jeder, wat hä will" (Hier macht jeder, was er will). O.K., da bin ich aber gerne dabei!