Essen+Trinken


Grillen bis der Arzt kommt?

Vom „Einmal-Grill“ zur „Outdoor-Kitchen“

Von Sven Schweinshaxe

Die Grill-Saison läuft auf Hochtouren. Grillen bietet aber weit mehr als hilflose Bratwürste foltern oder klebrig marinierte Schweinenacken vom Discounter in eine Gluthölle zu schicken. Grillen ist bei immer mehr Akteuren längst Teil anspruchsvoller Kochkultur geworden und erfüllt außerdem eine soziale Funktion: Gemeinsam grillen geht besser!

Gegrillt wird heutzutage überall und auf vielerlei Art: In öffentlichen Grünanlagen röchelt die Einfach-Bratwurst für 65 Cent auf dem Wegwerf-/Einmal-Grill zu € 2,95 (beide vom Billig-Discounter), auf dem Balkon der Stadtwohnung oder im Reihenhaus-Garten knistert die Holzkohle unter dem schon im Supermarkt marinierten Schweinekotelett und auf der Terrasse des Einfamilienhauses erhitzt der Gasküchengrill temperaturgenau Gambas, knackiges Gemüse, regionale Fingerfood und Edelfleisch aus Südamerika.

Egal, welche Qualität auf dem Rost liegt, die wahren Gründe für den Spaß an der Essenszubereitung im Freien und auf offener Flamme liegen wohl eher tiefenpsychologisch: Da kommt wieder etwas vom Jäger und Sammler im Menschen durch, der sein gefundenes Essen eben nicht in der Einbauküche zubereitete, sondern simpel improvisierte und dabei wohl auch neben Hunger seinen Spaß hatte. Und natürlich spielt Geselligkeit eine große Rolle. Früher saß man in der Runde um den Feuertopf, heute scharen sich bei der Gartenparty die Leute meist um den Grill.

„Software" und „Hardware" beim Grillen müssen stimmen

Entscheidend für wahren Essgenuss ist natürlich zunächst die Qualität der Speisen (Software). Nicht weniger wichtig ist der Grill selbst (Hardware). Auf einem Einmalgrill kann man ohne Probleme auch noch das beste Stück von einem südamerikanischen Rind ruinieren, während Gyros-Klebefleisch seine Qualität selbst auf einer Edelstahl-Outdoor-Küche nicht verbessert.

Grillmethoden

Es gibt verschiedene Grillmethoden, die wiederum im direkten Zusammenhang von Speisen und Geräten stehen. Man unterscheidet:

1. Direktes Grillen

Die direkte Grillmethode beinhaltet das Zubereiten von Grillgut auf dem Grillrost direkt über der Hitze. Dies empfiehlt sich für alle einzel zubereiteten Lebensmittel wie Würste, Steaks, Koteletts, Burger und Spieße bzw. andere schnell garende Speisen.

2. Indirekte Grillmethode

Beim indirekten Grillen werden größere Fleischstücke langsam gegart. Dies geschieht nicht direkt über der Flamme, vielmehr durch Heissluftzirkulation im Grillgehäuse, vergleichbar der Umluft im Elektrobackofen. Marinieren oder drehen entfällt ebenso wie das gelegentliche Ablöschen auflodernder Flammen. Das Grillergebnis überragt qualitativ das Erhitzen auf offener Glut.

3. Grillen mit dem Drehspieß

Durch die ständige Drehbewegung des Spießes verteilt sich der Saft aus dem Braten über das Grillgut, das Ergebnis ist neben einer knusprigen Außenhülle ein saftiges Inneres.

4. Grillen auf der Holzplanke

Bei dieser Methode verleiht der Rauch von der Planke, der beim Erhitzen entsteht, dem Fleisch oder Fisch ein aromatisch-rauchiges Aroma. Die Planke liegt dabei auf dem Rost, darunter die Glut.

Grillgeräte

Was hat eine ‚Hightech-Outdoor-Kitchen‘ noch mit dem ‚flammenden Inferno' früherer Grillklassiker-Modelle aus den sechziger Jahren zu tun? Nichts, außer der Freude an der Freiluftzubereitung. Natürlich kann man auch auf einer eisernen Fußmatte mit darunter liegender Kohle grillen (so etwas gab es in früheren Jahren schon mal auf multikulturellen Straßenfesten der SPD zu sehen), aber es geht eben auch anspruchsvoller. Und es geht natürlich um Preise. Bei Grillgeräten reicht die Spanne von € 2,95 bis weit über 2000 €. Je nach Bedürfnis und Geldbeutel bieten sich an:

Der Holzkohlegrill

Der klassische Dreibeiner hat seine Heimat auf Innenstadt-Balkonen, Campingplätzen und ist bei Versicherungs-Gesellschaften wegen der Haftpflichtschäden höchst unbeliebt.

Der Schwenkgrill

Für Pfadfinder, Feuerwehrfeste, Karnevalsgesellschaften und Gesangsvereine: Der Schwenkgrill mit Lagerfeuer-Atmosphäre. Mit diesem Grill können große Mengen zur Schnellabfütterung gegrillt werden. Schnell aufgebaut und mit zwei Leuten im Kombi einfach zu transportieren.

Der Kugelgrill

Der Kugelgrill ermöglicht durch seine Haube indirektes Grillen. Gut für die Zubereitung großer Fleischstücke oder ganzem Geflügel undwegen geringer Rauchentwicklung praktisch für die Pflege der Nachbarschaft.

Der Lavasteingrill

Variante des Gasgrills, kein lästiges Kaufen und Schleppen von Holzkohle. Unter den Steinen wird die Hitze über einer Gas-Flamme erzeugt. Geeignet für Einzel-Grillgut und Griller, die später ‚richtig Gas' geben wollen.

Der Elektro-Grill

Mit dem Elektro-Grill kann man sogar im Schlafzimmer grillen, sofern man über ein zweites Schlafzimmer verfügt. Schlipsträger und Verwaltungsangestellte stellen das Gerät bei Betriebsfesten auch gerne in geselliger Runde auf den Tisch im Besprechungszimmer, gucken auf den nassen Parkplatz und behaupten, drinnen wäre es auch schön.

Der Einmal- oder Wegwerf-Grill

Ideal für spontanes Grillen am See, auf dem Campingplatz oder im Wartezimmer des Straßenverkehrsamtes bei der Ummeldung im „Bürgerbüro Bonn“. Jugendliche Schaschlik-Verbrenner und multi-kulturelle Großfamilien schätzen die praktische Entsorgung in der Bonner Rheinaue: Einfach stehen lassen!

Der Gasgrill

Aus fernen Ländern wie Australien, Neuseeland, USA und Kanada, wo es noch Dauer-Sommer gibt und monatelang die Außenküche auf der Terrasse benutzt wird. Verbreitet sich dank Klimawandel auch in unseren Breitengraden immer mehr und eignet sich im Winterbetrieb bestens für scharfes Anbraten von dunklem Fleisch (Sauerbraten, Gulasch etc.), weil der Qualm außer Haus bleibt. Ein großer Gasgrill ist etwas für Leute mit entwickeltem kulinarischen Geschmack, Kochkunst und etwas Kleingeld.

Noch ein paar Ratschläge:

# Kein mariniertes Fleisch im Supermarkt kaufen. Die Fleischqualität muss man 'nackt' sehen, mit Marinade kann man auch noch die mieseste Qualität zukleistern. Außerdem weiß man nicht, welche Reste der Supermarkt verarbeitet hat.

# Fleisch vor dem Grillen nicht zu stark salzen, weil es sonst bei scharfem Anbraten schnell austrocknet und sich dann bestens zur Gebiß-Entsorgung eignet.

# Schütten Sie kein Bier über Grillwürste. Nicht mal Altbier aus Düsseldorf hat das verdient, der Wurst ist es allerdings egal, nur schmeckt sie dadurch nicht besser.

# Fisch und Gemüse sollten in Alufolie gedünstet werden. Angesengt schmeckt es sonst wie abgebrannte Streichhölzer und riecht noch schlimmer.

# Eine Person sollte immer unmittelbar neben dem Grill stehen, falls irgendetwas passiert. Zur "Brandwache" eignen sich besonders gut schon leicht angetrunkene Gäste, weil sie sich diskret am Grill festhalten können.

# Bitten Sie Klugscheisser unter den Gästen, die Ihnen mit dem Bierglas  in der Hand erklären, was man besser machen kann, Sie sollten schon mal das Besteck sortieren oder sich um die Musik kümmern.

# Falls die Nachbarschaft die Feuerwehr gerufen hat, laden Sie die Feuerwehrleute ein. Diese Branche ist trink- und essfreudig. Besser noch: Laden sie vorher auch die Nachbarn ein, besonders die, welche weder Sie noch die anderen Gäste leiden können.