Bonn Rhein-Sieg


Es muss mehr über Organspende geredet werden

(m.g.) Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der CDU will aufgrund der sinkenden Spenderzahlen die rechtliche Verpflichtung der deutschen Bürger zur Organspende erhöhen und eine Widerspruchslösung einführen. Das heißt, dass damit jeder Bürger zu einem potenziellen Organspender wird, außer, er oder seine Angehörigen widersprechen ausdrücklich dagegen. Wie – ist allerdings noch offen. 

Neue Hoffnung durch Pläne 

Allein in NRW warteten Ende letzten Jahres laut der Deutsche Stiftung Organtransplantation 2240 Menschen auf ein neues Organ. BONNDIREKT hat bei den Bonner Parteien und Krankenhäusern angefragt, was sie von Spahns Plänen halten. Einige haben geantwortet. So meint Dipl. Theologe Christoph Bremekamp, Krankenhausoberer im Gemeinschaftskrankenhaus Bonn: „Es ist gut, dass das Thema durch den Vorschlag vom Bundesgesundheitsminister angestoßen wird. Das Thema ist wichtig und muss viel stärker in unserer Gesellschaft thematisiert werden.“ Vielen Menschen, die auf ein Organ warten, gebe der Vorschlag mit der Widerspruchslösung Hoffnung. „Hier gibt es viel Leid und mit einer solchen Lösung kann vielen geholfen werden“, sagt Bremekamp. 

Gegen den Patientenwillen 

Aber natürlich habe die Sache auch eine Kehrseite. „Wenn ein junger Mensch nach einem Unfall auf der Intensivstation liegt, kann man davon ausgehen, dass er sich mit dem Thema wohl kaum beschäftigt hat. Dennoch entsteht durch ein solche Gesetzeslage ein Automatismus, der zu Organentnahme führt, wenn dieser junge Mensch stirbt. Hier muss mehr Aufklärung stattfinden.“ Das Gleiche gelte auch für Angehörige. Für sie sei es schwer zu akzeptieren, dass ihren Verwandten Organe entnommen werden, obwohl dieser vielleicht gar nicht zugestimmt hätte. Auch hier helfe Aufklärung sowie eine frühe Thematisierung. „Und auch die Krankenhäuser werden durch ein solches Gesetz vor eine Herausforderung gestellt werden. Die Anzahl der Operateure in einem Krankenhaus ist begrenzt. Auf einmal müssten diese durch das neue Gesetz mehr Eingriffe vornehmen, um eben Organe zu entnehmen. Das hat zur Folge, dass andere Eingriffe weniger oft vorgenommen werden können, wie wichtige Operationen, auf die die Patienten warten. Die Krankenhäuser arbeiten jetzt schon an ihren Kapazitätsgrenzen.“ 

Mehr Diskussion und Aufklärung 

Die Johanniter GmbH, Betreiber der beiden Bonner Johanniter-Kliniken in Bonn fordert mehr Diskussion und Aufklärung statt eines Automatismus. „Eine Organspende hilft, Leben zu retten. Wir halten es deshalb für äußerst wichtig, dass zu diesem Thema ein breiter öffentlicher Diskurs geführt wird, der nicht auf rechtliche Bestimmungen reduziert wird. Ziel muss es sein, möglichst viele Menschen für das Thema zu sensibilisieren und Vertrauen aufzubauen, gerade nach der Berichterstattung zu kritischen Vorfällen in einigen Transplantationszentren. Wir treten für eine Entscheidungslösung ein und nicht für eine Widerspruchslösung, weil die Menschenwürde nur dann unangetastet bleibt, wenn jeder Einzelne frei entscheidet, ob er seine Organe spenden möchte oder nicht. Dieser Einstellung steht die Widerspruchslösung entgegen, da sie mit einer gesetzlich fingierten Zustimmung arbeitet, der aktiv zu widersprechen ist. Spenden muss von Anfang an freiwillig bleiben. Es gibt gerade aus der Sicht eines christlichen Menschenbildes, auf dessen Basis die Johanniter arbeiten, viele gute Gründe für die Entscheidung, anderen Menschen nach dem Tode Organe zu spenden und damit Leben zu ermöglichen.“ 

Vertrauen in Organspende wiedergewinnen 

„Beim Thema Organspende geht es um Vertrauen“, sagt Alfred Giersberg, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Ratsfraktion. „Wir alle haben die Schlagzeilen rund um die Manipulationen in verschiedenen deutschen Kliniken noch gut in Erinnerung. Damit verbunden war eine erhebliche Schwächung der Organspende insgesamt. Nicht zuletzt aufgrund der Skandale wurde über das Thema häufig aus einem negativen Blickwinkel berichtet. Dies verstellt den Blick darauf, dass es sich bei der Organspende um eine wichtige Problemlösung für chronisch Kranke handelt. Aus fehlenden Regeln ergibt sich eine äußerst nachteilige Folge: Wir haben zu wenige Spender.“ 

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern fehle in Deutschland eine umfassende medizinische Datenbasis, die die Folgen von Transplantationen dokumentiert und entsprechende Schlussfolgerungen zulassen könnte. „Beim Thema Organspende geht es immer auch um Vertrauen. Bei allen verfügbaren technischen Strukturen erreichen wir ohne das Vertrauen der Menschen in die Organspende nichts. Eine neue Transplantationsregelung hat daher auch seinen ganz spezifischen Mehrwert in der Schaffung von besseren Strukturen; denn gerade gute Strukturen schaffen Vertrauen. Dieses Vertrauen ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass auch in Zukunft Menschen die berechtigte Hoffnung auf eine lebensrettende und lebenserhaltende Transplantation haben können. Es liegt daher an uns, mit der Schaffung einer Neuregelung den Grundstein für weitere Verbesserungen zu legen, so Giersberg. 

Auch bei der Bonner SPD sieht man Spahns Vorschlag positiv. So sagt Ulrich Kelber, Bundestagsabgeordneter der Bonner SPD: „Die SPD - und auch ich selbst - setzt sich schon lange für die sogenannte Widerspruchslösung bei der Organspende ein. Es ist aus unserer Sicht ein geeignetes Mittel, um wieder mehr Organspenden, auf die sehr viele Menschen angewiesen sind, zu erhalten. Da es jedem Menschen bei Einführung dieser Regelung freigestellt ist, einen Widerspruch gegen eine mögliche Organentnahme nach dem Tod zu hinterlegen, ändert sich für die Menschen, die eine Organspende ablehnen nicht viel. Für die Menschen, die auf Organspenden angewiesen sind, hingegen schon, denn es ist davon auszugehen, dass dann mehr Organspenden möglich sind. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Verteilung der Spendenorgane so transparent und fair wie möglich geschieht, dafür haben wir bereits vor einigen Jahren das zentrale Transplantationsregister geschaffen.“ 

Die Bonner FDP will zu dem Thema, wie auch die anderen Parteien keine Stellung beziehen. So sagt Achim Haffner: „Die Bonner FDP-Ratsfraktion sieht keine kommunalpolitische Relevanz bei dieser Thematik und wird deshalb auch keine Stellungnahme abgeben. Da es sich um eine höchstpersönliche Problematik handelt, wird es eine ganze Bandbreite von persönlichen Sichtweisen innerhalb der Fraktion geben, die das Thema für eine Stellungnahme der Fraktion als ungeeignet erscheinen lassen.“ 

Die Meinungen zu dem Thema gehen noch weit auseinander. Bleibt zu hoffen, dass die Politik einen gangbaren Weg findet, um allen Einwendungen gerecht zu werden.

05.10.2018