Ein Ruck(es) geht durchs Land


Kunst im öffentlichen Raum

Kunst kommt nicht nur vom 'Können', Kunst kommt auch vom 'Wollen'.

Die ‚Stiftung für Kunst und Kultur‘ beabsichtigt die Aufstellung von Erwin Wurms Skulptur ‚Walking Bag‘ am Friedensplatz/Ecke Sternstraße. Wurm’s ‚spazierende Einkaufstasche‘ wäre zweifellos ein Hingucker in der innerstädtischen Einzelhandelslandschaft, fast könnte man sagen: Ein unverblümter Hinweis auf die Bonner City Bonn als Einkaufsstadt.

Die geplante Installation wirft allerdings auch andere Fragen auf. Und so schreibt GA-Redakteur Thomas Kliemann einen bemerkenswerten Kommentar im bei BONNDIREKT ansonsten häufig gescholtenen General-Anzeiger. Diesmal keine Schelte, sondern ein Lob.

Hier Kliemanns Kommentar im Originaltext:

„Eine riesige Einkaufstasche, ein sogenannter Birkin-Bag von Hermès auf dünnen Füßchen, in der Fußgängerzone: Geht es nach der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur soll das vier Meter hohe Kunstwerk „Walking Bag“ des international renommierten Künstlers Erwin Wurm ab Mitte 2019 auf dem Friedensplatz an der Ecke Sternstraße stehen.

„Das Werk ironisiert die Idealvorstellung von Schönheit und Accessoires, die man haben muss“, sagt Walter Smerling, Geschäftsführer der Stiftung, über die Figur mit den dünnen Beinen und der „Hermès-orangenen“ Einkaufstasche. „Das passt gut in die Fußgängerzone. Das ist eine ironische Nummer“, ergänzt er. Vor einem Jahr hat er als Direktor des Duisburger Museums Küppersmühle eine Werkschau des österreichischen Bildhauers und Objektkünstlers gezeigt. Im Bonner Kunstmuseum waren 2010 in einer großen Wurm-Retrospektive unter anderem Arbeiten zu sehen, die an „Walking Bag“ erinnern.

Erwin Wurm, der gerne mit Maßstabsverschiebungen operiert, sagt zu seiner Arbeit: „Ich zeige eine Person, die auf ihre Accessoires reduziert ist: Tasche und Schuhe. Das mag paradox wirken, doch unsere Realität ist viel verrückter als jede absurde Perspektive es für möglich hält. Nicht die Fantasie ist unser Problem, sondern die Realität.“

In der Projektskizze der Stiftung, die der städtischen Kunstkommission vorgelegt wurde, ist zu lesen: „Zwischen dem Sieg der Modeindustrie und Medien über unsere Geschmacksbildung und der Unmündigkeit des Kunden liegt eine gewaltige Grauzone mit Assoziationen von Kaufrausch bis Magersucht“.

Empfehlungen der städtischen Kunstkommission haben nur empfehlenden Charakter und bedürfen der Zustimmung der zuständigen Bezirksvertretung. Dort hält sich Zustimmung noch in Grenzen und DIE LINKE in der Bonner Kommunalpolitik hat sich schon zu Wort gemeldet mit der bescheidenen Forderung:

„Kunstkommission auflösen" (Hier ebenfalls ein O-Ton:)

„Laut dem Verwaltungsvorschlag von Anfang 2016  besteht die Aufgabe der im April 2016 installierten Kunstkommission darin, den Kulturausschuss in Fragen der „Kunst im öffentlichen Raum“ zu beraten. Die Linksfraktion hatte dem seinerzeit schon keinen Glauben geschenkt und das Gremium konsequenterweise abgelehnt. LINKE-Kultursprecher Repschläger: „Wir hatten von Beginn an befürchtet, dass diese aus Expert*innen bestehende Kommission schnell ein Eigenleben entwickelt und die Diskussion an den politischen Gremien und der interessierten Öffentlichkeit vorbei führt. Genauso ist es gekommen.“

„Der Kulturausschuss ist kein einziges Mal von der Kommission beraten worden. Im Gegenteil: Über das Treiben dieses ‚hochkarätig besetzten‘ Gremiums konnten sich die gewählten Kulturpolitiker*innen nur aus der Zeitung informieren.“ Das Schreiben von Leser*innenbriefen war für die Bonnerinnen und Bonner die einzig mögliche Form, sich an der Diskussion über ihren öffentlichen Raum zu beteiligen. Fazit: Die Kommission ist elitär, intransparent und letztlich undemokratisch.

Auch inhaltlich erscheint das Gremium nicht auf der Höhe der Zeit. Da wird die Skulptur „Walking Bag“ von Erwin Wurm  lediglich mit dem Verweis auf „den unvorteilhaften Standort“ abgewiesen. Repschläger: „Diese Skulptur ist doch eine recht einseitige Konsumkritik. Denn die Figur ohne Unterleib, aber dafür mit Handtasche wird als Frau wahrgenommen, die klassischerweise auf Handtasche und Schuhe reduziert wird“, so Repschläger. „Männliches Konsumverhalten, wie möglichst große Autos oder Handys, wird nicht thematisiert.“

„Die Kunstkommission gehört aufgelöst. Die Damen und Herren dürfen gerne in den Kulturausschuss kommen und seine gewählten Mitglieder beraten. Ob der Rat dann angenommen wird, ist eine ganz andere Frage“, so Repschläger abschließend.

So läuft das in Bonn

Ja, so läuft das in Bonn. Will man der Stadt etwas schenken, muss man sich erst einmal rechtfertigen und gewissen „Geschenkvorgaben“ unterwerfen. Dies besonders gegenüber selbst ernannten Fachleuten aus der Kommunalpolitik wie z.B. dem selbst ernannten ‚Fachmann' Repschläger.

Ein Poppelsodorfer Schloss wäre früher auch nicht erbaut worden, wenn es schon kommunalpolitische Gremien oder Herrn Repschläger gegeben hätte. Der hätte das Gebäude wahrscheinlich als ‚Denkmal autoritärer männlicher Prunk- und Herrschsucht‘ beschrieben.

Und selbst wenn es Zustimmung gegeben hätte, wäre das Schloss aufgrund von Auflagen für den Brandschutz, auflagenpflichtiger Tiefgaragenplätze und barrierefreier Zugänge nie gebaut worden.

Mich erinnert dies an zwei kleine Sponsorenauftritte aus meiner Zeit als Geschäftsführer der Bonner City Parkraum GmbH. Damals glaubte die Verwaltung kein Geld für das sommerliche Sprudeln der Brunnen in der Bonner City und im Winter kein Geld für die Beleuchtung des Beethovendenkmals und den Weihnachtsschmuck in der City im Etat zu haben. Als ich beide Projekte aus Mitteln der Bonner City Parkraum finanzieren wollte, teilte mir ein Verwaltungshengst mit, dafür solle ich erst einmal einen Bauantrag stellen.

Wutentbrannt bin ich ins Stadthaus gerannt und habe den damals zuständigen Mitarbeiter angebrüllt: „Wenn man euch (Knallköppen) einen Blumenstrauß überreichen will, nörgelt ihr uns an, warum wir keine Vase mitgebracht haben".

Bonn, schlaf weiter!