Bonn Rhein-Sieg


Die Synagoge brannte in der Pogromnacht aus

Niemals vergessen!

"Der Schaden an der Synagoge ist weniger schwer. Sie ist lediglich ausgebrannt".

(s.b.) - Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die Nacht, an dem Deutschland seiner jüdischen Bevölkerung den Krieg erklärt. In Siegburg brennt die Synagoge, Schaufensterscheiben von sechs der dreizehn jüdischen Geschäfte werden zertrümmert.

Die Besitzer telefonieren in Panik nach der Polizei. Die kommt - nicht um zu helfen, sondern um "Ruhe, Sicherheit und Ordnung aufrechtzuhalten". Die Feuerwehr? Beschränkt den Synagogenbrand auf den Herd, damit angrenzende Häuser nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Hilflos stehen die Geschäftsleute auf der Straße, sehen ihr Lebenswerk in Trümmern.

Die Ordnungshüter gehen auf sie zu: Beseitigen Sie sofort die Glasscherben aus dem Fenster, damit sich niemand verletzt, verschalen sie die Öffnungen! Kehren sie den Bürgersteig! Wir dürfen annehmen, dass man in Siegburg genau wusste, wer das Feuer legte, wer die Steine warf, wer in den ungesicherten Läden plünderte. Natürlich wurden die Aggressoren nicht "gefunden" und belangt, handelten sie doch im staatlichen Auftrag. Verfolgt werden die Verfolgten. 45 jüdische Mitbürger, allesamt Männer, kommen ins Arbeitslager. Im streng bürokratischen Ton fasst Bürgermeister Fritz Eickhoff die Geschehnisse der Pogromnacht fünf Tage später für den Landrat zusammen. Aus dem Fanal wird ein Verwaltungsakt.

Der Bericht: Rechtschreibung und Zeichensetzung sind unverändert übernommen

Betrifft: Judenaktion Am 10.11.1938 in der Zeit von 5.55 Uhr bis 6.12 Uhr wurden in Siegburg und zwar in dem Haushaltungsgeschäft von Felix Oestreicher, Ringstraße 1 dem Konfektionsgeschäft Gebr(üder) Alsberg, Inhaber Max Cohen, Hermann-Goeringstraße 11, dem Herrenartikelgeschäft von Hermann Hamberg, Kaiserstr(aße) 19 und dem Schuhgeschäft Leo Müller die Schaufensterscheiben von unbekannten Tätern eingeworfen und vollkommen zertrümmert. Die Mitteilungen wurde(n) von den Geschädigten fernmündlich der Polizeiwache gemacht und zwar Oestreicher 5.50 Uhr, Hamberg 5.38, Alsberg 6 Uhr. Um 6.05 Uhr meldete der Pferdemetzger Cohn, Scherengasse, daß ihm ebenfalls eine kleine Scheibe zertrümmert worden sei. Gegen 6.10 Uhr wurde Feuer in der Synagoge gemeldet, Die Feuerwehr wurde ala(r)miert, die den Brand auf seinen Herd beschränkte. Der Tatbestand der Sachbeschädigung wurde 5.58 Uhr und die des Brandes um 6.12 Uhr dem Herrn Bürgermeister gemeldet, der seinerseits den Herrn Landrat verständigen wollte.

Die polizeiliche Tätigkeit beschränkte sich nun auf die Aufrechterhaltung der Ruhe, Sicherheit und Ordnung auf den Straßen an den gefährdeten Stellen. Die Geschäftsinhaber der zerstörten Fenster wurden angehalten, sofort die Beseitigung der Glasreste in den Fensterrahmen, die eine Gefahr für das Publikum bildeten, herunter zu stoßen und die Bürgersteige zu reinigen. Weiter wurde angeordnet, daß die Inhaber sofort die Fenster mit Brettern zu verschalen hätten. Im Laufe des Tages ist dies geschehen. Trotzdem ist eine Frau (N.N.) aus der Hindenburgstraße im Vorbeigehen an dem Geschäft von Marks, Hermann-Göring-straße durch herabstürzende Glasscherben am Bein verletzt worden, wobei Ihr auch die Schuhe und Strümpfe beschädigt worden sind. Sie macht einen Schaden von etwa 45,- RM geltend, sodann ist in der Nacht vom 10.11.1938 in dem Geschäft von Alsberg ein Einsteigediebstahl geschehen. Der Täter ist über die Vergitterung des beschädigten Schaufensters in den Laden gestiegen und es sollen Waren im Werte von etwa 500,- RM gestohlen worden sein. Über den oder die Täter fehlt jede Spur. Ebenfalls ist über diejenigen, die den Sachschaden hervorgerufen haben, nichts bekannt. Der angerichtete Schaden beläuft sich auf etwa 15000 RM. Der Schaden an der Synagoge ist weniger schwer. Dieselbe ist lediglich ausgebrannt. Durch die Aktion sind etwa 70 Angestellte stellenlos geworden.

Von der Beschädigung sind 6 jüdische Geschäfte betroffen worden. (Hier befinden sich im Ganzen 13 offene jüdische Geschäfte). Alle übrigen Juden sind von der Aktion nicht betroffen worden. Am 11.11.1938 wurden im Verfolg der Aktion hier 45 männliche Juden im Alter zwischen 18 und 70 Jahren auf Anordnung der Stapo Köln festgenommen und der Arbeitsanstalt Brauweiler zugeführt. Davon sind inzwischen ein Teil wieder auf freien Fuß gesetzt worden und zwar ältere Leute, Arbeitsunfähige und Kranke".

09.11.2018