Gesundheit


Dichter Verkehr auf der Reuterstraße

Diskussion um Feinstaub fehlt die Sachlichkeit

(m.g.) Prof. Dr. med. Dieter Köhler ist Lungenfacharzt und ehemalige Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie. Er und viele seiner Kollegen zeigen sich verwundert über die aktuelle Diskussion über Dieselfahrverbote in deutschen Innenstädten, wie unter anderem auch in Bonn. Hier soll am 1. April für die Reuterstraße und den Beldeberg ein Dieselfahrverbot in Kraft treten. Aber da das Land Nordrhein-Westfalen vor dem Kölner Verwaltungsgericht dagegen Berufung eingelegt hat, ist das noch nicht sicher. 

In einer gemeinsamen Stellungsnahmen erklären Prof. Köhler und 115 weitere Lungenfachärzte, dass sie derzeit keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide sehen. Vielmehr würden Studien extrem einseitig interpretiert und idealisiert, um Grenzwerte durchzusetzen. Das könne fatale Folgen haben. Nämlich, dass Innenstädte geschlossen werden, was politische Probleme mit vermutlich chaotisch, möglicherweise auch gewaltbereiten Szenarien mit sich ziehen könnte. 

In der Stellungsnamen bezeichnet Prof. Köhler einen großen Teil der vorhandenen Studien zu Gesundheitsgefahren durch Dieselabgase als methodisch fragwürdig. Es gebe keine belastbare Begründung für die geltenden EU-Grenzwerte. Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) – der Jahresmittelwert darf 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Außenluft nicht überschreiten – gelten in der EU bereits seit 2010. Sie beruhen auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). 

„Im Zigarettenrauch ist der Feinstaubgehalt über eine Million Mal höher als in der Luft. Rechnet man die inhalierten Schadstoffe der Raucher hoch und vergleicht sie mit den ‚berechneten Todesraten‘ durch Feinstaub und Kohlenmonoxid, dann müssten alle Raucher nach wenigen Monaten an verschiedenen Erkrankungen verstorben sein“, so Prof. Köhler. 

Er sieht einen großen Teil der vorhandenen Studien zu Gesundheitsgefahren durch Dieselabgase kritisch. Diese sagen, dass Feinstaub und Stickoxide zu mehr als zwei Dutzend voneinander sehr verschiedenen Krankheitsbildern führen, die fast alle Fachgebiete der Medizin betreffen. Wäre die Luftverschmutzung so gefährlich, müsste sie ein typisches Vergiftungsmuster verursachen, wie es für jedes Gift mehr oder weniger typisch ist. Das völlige Fehlen dieses Musters spreche gegen eine Gefährdung und für Störfaktoren. 

Das stärkste Argument gegen die einseitige Auswertung der Studien, so Prof Köhler und seine Kollegen, ist jedoch eine Besonderheit. Normalerweise müsse man zur Absicherung der Grenzwertbereichs eine Expositionsstudie an Menschen durchführen, mit höheren und niedrigeren Dosen. Das sei aus ethnischen Gründen nicht vertretbar. Dass Feinstaub der Lunge und der Gesundheit schadet, sei medizinisch naheliegend. Allerdings komme es auf die Menge an. 

Laut einer größeren Studie ist die durchschnittliche Lebenserwartung in Sevilla gerade dort höher, wo die Feinstaubbelastung sehr stark ist, so Prof. Köhler. Das zeige, wie schwierig es ist, einen solch komplexen Zusammenhang wie die Wirkung von Feinstaub auf die Gesundheit zu untersuchen. 

Der ADAC hat eine Überprüfung der Feinstaub- und Stickoxid-Grenzwerte der Europäischen Union gefordert. „Wenn Bürger von Fahrverboten betroffen sind, müssen sie sich darauf verlassen können, dass die geltenden Grenzwerte wissenschaftlich begründet sind“, sagte der Vizepräsident des Autoclubs, Ulrich Klaus Becker. Die EU-Kommission müsse die wissenschaftliche Grundlage ihrer Grenzwerte rasch unter die Lupe nehmen.

29.01.2019