Ruck(es) Kolumnen


Bonner Nachbar wird "Fünfzig"

Die Gemeinde Wachtberg, die aufgrund ihrer Einwohnerzahl sich auch STADT WACHTBERG nennen könnte, wird 2019 fünfzig Jahre alt. Sie ist ein Kind der Raumordnung im Jahr 1969 und das ‚Kind‘ hat sich gut entwickelt. Grund zum Feiern? Aber klar doch!

Das Festprogramm startete im Januar mit einer gut besuchten ‚Neujahrs-Gala‘. Kein ‚Bauernschwoof‘, wie einige vermutet hatten und auch der Landrat drehte sich und seine Gattin im Kreis auf der Tanzfläche. Wie schön!

Karneval geht es weiter: Der diesjährige Gemeindekarneval nennt sich ‚“Fuffzich Johr ävver jot dropp“ und präsentiert – nein, das ist jetzt kein ‚fake‘ – ein närrisches Dreigestirn in delikater Besetzung: Jungfrau(Bürgermeisterin) Renate, die Erste, Prinz(Beigeordneter) Swen, der Erste) und Bauer(Kämmerin) Beate, die Erste. Diese Traumbesetzung ist so angekündigt und das Führungstrio (‚Trifolium‘) tritt an diesem Termin gleich zweimal auf: Das erste und das letzte Mal. Gut so, werden manche sagen oder auch nicht, wer will da schon unken? Ein gewisser Unterhaltungswert ist sicher garantiert.

Was läuft noch im Jubiläumsjahr? Alt-Bürgermeister Döring führt bei zwei Bustouren durch die zahlreichen Dörfer der Gemeinde und wird mit Anekdoten und Geschichten das Zusammenwachsen der Gemeinde erklären. Darauf darf man sich freuen und die Teilnahme an diesen Touren sei hier empfohlen.

Anfang August stehen ein offizieller Festakt und ein Bürgerfest auf dem Programm. Dazwischen liegen noch zwei Wochen ‚Wachtberger Kulturwochen’ im Juli, die natürlich diesjährig auch im Zeichen des Jubiläums stehen.

War’s das?

Könnte sein. Und wenn es das war, dann war es nicht allzu viel. Es gibt Wachtberger*innen, die vermissen etwas: Neben fröhlichen Feiern, Besichtigungen und verträumten Rückblicken könnte es ja auch Veranstaltungen geben, bei denen über die Zukunft Wachtbergs nachgedacht wird.

Gut, Nachdenken ist anstrengender als ein Glas zu erheben. Aber gerade wenn es sich in Wachtberg nach 50 Jahren gut leben lässt, macht es Sinn, sich auch Gedanken über die zukünftige Entwicklung zu machen, denn bekanntlich ist nichts für die Ewigkeit.

Wachtbergs Beigeordneter Swen Christian benennt als zentrale Themen im Jubiläumsjahr ein neues ÖPNV-Konzept, die Fortsetzung des Internetausbaus und ein eventueller Abriss und Neubau des maroden Rathauses. Das klingt wenig spektakulär und ist es auch nicht. Außerdem sind das Themen, die überwiegend nicht primär im Rathaus entschieden werden. Nach perspektivischem Denken über Wachtbergs Zukunft klingen sie auch nicht. Stattdessen bei Politik und Verwaltung viel Selbstzufriedenheit und Bestandspflege nach dem Motto: „Es läuft doch gut, was wollt ihr eigentlich?“

Wachtbergs 320.000 Einwohner zählende kreisfreie Nachbarstadt hat da u.a. ganz andere Probleme: Bonn braucht nach der Raumordnung vor 50 Jahren inzwischen weitere Gewerbeflächen und Siedlungsgebiete. Da könnte politisch in NRW ja auch mal wieder über eine neue Raumordnung nachgedacht werden. In Ansätzen passiert das sogar schon und als Vorläufer dienen Gespräche des Rhein-Sieg-Kreises mit der Stadt Bonn zur Zusammenarbeit bei Gewerbeflächen.

Wo ist die Wachtberger Politik, wo sind Querdenker, die sich zu Denkprozessen über Parteigrenzen hinweg zusammen setzen und die Zukunft Wachtbergs im fünfzigsten Jahr des Bestehens der Kommune konstruktiv diskutieren? Denn eines sollte klar sein: Die Zukunft des ‚Drachenfelser Ländchens‘ liegt nicht im weiteren Ausbau von hässlichen Folientunnel auf freien Ackerflächen, wo lokale Obstbarone nicht nur für den regionalen Bedarf produzieren.

Dann könnten die tollen Jahre in Wachtberg vorbei sein, wie die tollen Tage für das formidable Verwaltungs-Dreigestirn am Aschermittwoch und irgendwann gäbe es dann nach erfolgter Eingemeindung ein Jubiläum zu ‚Bonn-Wachtberg‘ zu feiern.

Wäre eigentlich schade!