Ein Ruck(es) geht durchs Land


"Free Day" oder "Friday for Future"?

Ein häufiger Vorwurf an die junge Generation lautet: Ihr Wohlstandskinder in der Erben-Gesellschaft interessiert euch nur für Konsum und Spaß. Politik, gesellschaftliche Gestaltung und Verantwortungsübernahme sind euch weitgehend fremd.

Dieser Vorwurf stimmt - wie alle Vorwürfe - natürlich nicht in seiner Pauschalität. Aber in jedem Vorurteil, das dann zum Vorwurf wird, steckt immer eine Portion Wahrheit. Schlimm wird es nur, wenn aus Halbwahrheiten allgemeine Ganzvorwürfe werden.

Mit der weltweiten und Länder übergreifenden Demonstration „Fridays for Future“ wollen Schüler und Studenten auf das globale Klimaschutzproblem hinweisen. Das ehrt die Teilnehmer*innen erst einmal und steht im Gegensatz zu dem eingangs beschriebenen Desinteresse von jungen Leuten an Politik.

Und so überschlagen sich einige politische Vertreter und auch Journalisten in fast schon peinlicher Art mit unkritischen Lobeshymnen für diese an Dynamik gewinnenden Demonstrationen.

Auf Bundesebene stellten sich Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) schnell und unüberlegt hinter die Proteste. Diese Anbiederei wirkt ziemlich durchsichtig von einer politischen Ebene, die ja eigentlich mehr zum Thema leisten könnte. Da möchte man den Beiden doch zurufen: „Dann setzt doch einfach um, was gefordert wird“ und heuchelt nicht zeitgeistiges Verständnis.

Auch auf niederem politischen Level häufen sich Stellungnahmen: Die Bonner SPD findet  in einer Pressemeldung ‚FridaysForFuture‘  „… gut und sinnvoll“ und der Bonner SPD-Vorsitzende Gabriel Kunze bekräftigt: "Wenn sich junge Menschen für ihre Zukunft einsetzen, dürfen sie nicht als Schulschwänzer*innen diffamiert werden."

Der Siegburger Bürgermeister Franz Huhn (CDU) schwadroniert in einem Video zu den globalen Schülerstreiks für den Klimaschutz: "Die Einwendungen, die da kommen, das sei Schulschwänzen, die nehme ich nicht ernst. Ich nehme die jungen Leute ernst, die sich wirklich Gedanken machen und mit dem Thema auseinandersetzen. Wir müssen zwingend ernst machen mit den Klimazielen, die in Paris vereinbart worden sind - und nicht aus irgendwelchen anderen Gründen diese vereinbarten Ziele vernachlässigen."

Ja, Herr Huhn, wir nehmen Sie nach diesem Statement allerdings nicht ganz ernst, lassen Sie mal in ihrem Wortnebel da stehen und fragen Sie und den Bonner SPD-Vorsitzenden: „Was machen sich die jungen Leute denn konkret für Gedanken, was bewirken sie außer Aufmerksamkeit mit ihrem Protest und wie ist ihr eigenes Alltagsverhalten bei den vielen Facetten des Klimaschutz?“ Erzählt man sich beim Protestmarsch, mit welchem Billigflieger man für 29 € nächstes Wochenende zur Party nach Mallorca fliegt oder was man sich gestern Abend für eine ‚geile‘ Pizza mit dem Auto nach Hause bringen ließ?

Diese Protestbewegung ist grundsätzlich begrüßenswert und richtig und es wäre etwas kleinkariert, wenn sich ihre Bewertung nur auf Schulschwänzen und Übertretung von Gesetzen und Verordnungen beschränken würde. Aber es bleibt einfach ein ‚Geschmäckle‘, dass der Zeitpunkt der Demos nicht zufällig ist und damit nicht unbedingt zur Glaubwürdigkeit beiträgt. Letztere würde erreicht, wenn das Thema auch im eigenen Alltagsleben stärkeren Niederschlag fände und die Demos wären natürlich ganz glaubwürdig, wenn sie nicht freitags und nicht vormittags während der Schulzeit stattfänden. Es gibt nun mal eine Schulpflicht und wer entscheidet denn, welches Thema genügend Wertigkeit besitzt, dass dafür Gesetze außer Acht gelassen werden?

Sollte sich zum Beispiel eine (berechtigte) wöchentliche Protestbewegung in Europa gegen das wirrköpfige ‚Trumpel-Tier‘ im Washingtoner Weißen Haus etablieren, wäre das allemal ehrenhaft. Aber wäre es während der Schulzeit erlaubt? Der Zweck heiligt weder die Mittel noch die Uhrzeiten.

Niemand sollte leugnen, dass es auch Schüler*innen gibt, die jetzt freitags nicht mehr zur Schule gehen, allerdings auch nicht zur Demo, sondern vielleicht schon im Billigflieger sitzen, am Sonntagabend zurückkommen und montags in der Schule etwas zu erzählen haben.

Will die aktuelle Protestbewegung glaubhaft sein oder werden, sollte sie weiter demonstrieren, aber zu einem anderen Zeitpunkt. Und etwas mehr differenziertes Nachdenken von politischen Opportunisten auf Bundesebene abwärts bis zur Kommunalpolitik wäre dem gemeinsamen Anliegen ebenfalls dienlich.