Ein Ruck(es) geht durchs Land


"SPOT(T) ON"

Traumschiff am Karfreitag

Karfreitag ist ein kirchlicher Feiertag und dazu einer der Höchsten. Unterhaltung, Tanz und Trallala in jeder Form sind dann verboten. Ob das in Ordnung ist, darüber kann man diskutieren oder auch nicht. Es geht um etwas anderes:

Ich schalte am diesjährigen Karfreitag gegen 19 Uhr den Fernseher an, um mir den täglichen Nachrichten-Würgereiz rein zu ziehen. Leider habe ich etwas zu früh eingeschaltet, da läuft noch ein Film und während ich mit der gebotenen Aufmerksamkeit den Naturkorken aus dem roten 2016er Paulliac ziehe, registriert meine Nase einen korrekten Zustand des Korkens, meine Ohren indes geraten in ungläubige Verwirrung und ich betrachte den TV-Bildschirm.

Dort flimmern weiß-uniformierte Prachtkerle, ansehnliche junge und ältere Schiffsoffiziere und immer noch halbwegs ansehnlich ältere Damen (leicht 'firn', um in der Weinsprache zu bleiben) über den Bildschirm. Sie ergehen sich in unglaublich banalen Dialogen, machen sich Komplimente, singen, tanzen und gerieren sich dabei so anständig und wohl erzogen, dass ich wehmütig an meine alten 68er-Zeiten denke. Was ist passiert?

Ich habe den Abspann einer ‚Traumschiff-Folge‘ erwischt. Was ist das? Ein Serien-Opus für im Leben zu kurz gekommene Kleinbürger, deren nicht erfüllte Träume ihre späte digitale Erfüllung finden? Ich stelle mir vor, wie diese Zuschauer bei Chips, Erdnüssen und Rotkäppchen-Sekt auf der mit Brokatkissen geschmückten Couch im heimischen Wohnzimmer irgendwo im Hunsrück oder sonst wo sitzen. Es sei ihnen von Herzen gegönnt!

Mir selbst gönne ich nach dem dreiminütigen Anblick dieses TV-Machwerks erst mal einen kritischen Probeschluck aus der Bordeauxflasche und komme dann zu der Erkenntnis:

Warum zum Teufel bezahlen wir für einen solchen nicht mal Operetten tauglichen Serienschund eigentlich Zwangs-Fernsehgebühren? Damit in Falten geratene – durchaus ehrenwerte - Darstellerinnen (auch aus Bonn-Muffendorf) und ehemals bissig-intellektuelle Moderatoren wie Harald Schmidt in dieser Schmierseifen-Oper mit weißem Bart gütig und wichtig gucken? Und warum ist eigentlich Fernseh-Unterhaltungsschrott wie das ‚Traumschiff‘ an Karfreitag nicht verboten?

Meinen Spontangedanken, den Fernseher umgehend aus dem Fenster zu werfen, habe ich nicht weiter verfolgt. Er ist leider als Flachbildschirm an der Wand angeschraubt und ich hasse handwerkliche Arbeit. Ich bin eben auch inzwischen zum Kleinbürger mutiert und mir fiel noch rechtzeitig ein, dass man Sperrmüll ja anmelden muss.

Deshalb die verträumte Frage an meine Leser*innen zu Ostern: Möchte jemand meinen Fernseher kaufen, weil mir das Programm und die Zwangsgebühren - passend zu Ostern - auf die Eier gehen?

Ich fürchte aber, niemand möchte meinen Fernseher kaufen. Oder verfügen sie längst über ein paar Abo’s bei ‚Netflix‘ und was es sonst noch so alles gibt?. Vielleicht  stellen sie sich auch noch die ‚Google-Abhörwanze‘ mit dem schönen Namen 'Alexa' in ihre Behausung. Dann bekommen sie auf Zuruf, welchen Film sie gucken wollen, welches Musikstück sie hören möchten und ‚Alexa‘ erklärt Ihnen selbstverständlich auch, wie man ein Ei oder Kaffee kocht. Nur wie sie denken lernen, um Herr/Frau ihrer Sinne zu bleiben, erklärt Ihnen ‚Alexa‘ nicht. Seid ihr, die ihr euch ‚Alexa‘ ins Wohnzimmer stellt, eigentlich nur technik-affin oder schlichtweg grotten-blöd? Ich sag es euch: Ihr seid nicht nur blöd, ihr seid ultra-blöd und technik-gläubig. Die Rechnung erhaltet ihr später, auf verschiedene Art. Und die Gebühren für die ‚Traumschiff‘-Folgen im öffentlichen TV zahlt ihr trotzdem, auch wenn ihr es nicht nutzt.

Apropos ‚Traumschiff‘: Wie war das damals noch mit der ‚Titanic‘? Sollte das Fernseh-Schiff mal ein ähnliches Ende in seiner letzten Folge finden, dann gucke ich mir das garantiert an!