Bonn Rhein-Sieg


Podiumsdiskussion: Andreas Pinkwart, Wirtschafts- und Digitalminister NRW, Stephan Fanderl, Vorsitzender der Geschäftsführung Galeria Karstadt Kaufhof, und Moderator Helmut Rehmsen, WDR. (v.l.n.r.) Foto: BONNDIREKT

eCommerce NRW: Einzelhandel muss aufspringen

(m.g.) Der Handel wird zunehmend digitalisiert, so dass der eCommerce zum Wachstumstreiber für die ganze Branche geworden ist. Hier muss der stationäre Einzelhandel mit auf den Zug springen, wenn er gegenüber dem immer stärker werdenden Online-Handel bestehen will. Das ist die Message des eCommerce-Tages NRW in Köln. 

NRW ist das Bundesland mit den meisten Einzelhändlern in Deutschland. „Insgesamt sind es 108.000 Geschäfte, die ein Fünftel aller Einzelhändler des Landes ausmachen. Und diese Einzelhändler sind verunsichert“, sagt Boris Hedde vom der IFH Köln, das für das Wirtschaftsministerium NRW zwei Studien zu dem Thema E-Commerce verfasst hat. Und erstarrt der stationäre Einzelhandel gegenüber dem Online-Handel wie der Hase von der Schlange kann das böse Folgen haben. „Nämlich, dass bis zu 25.000 Geschäfte in NRW schließen.“ 

Minister Pinkwart: Ziel ist Zukunftsfähigkeit

Das müsse aber nicht sein, wenn der Einzelhandel seine festgefahrenen Strukturen verlässt und sich auf die Digitalisierung seines Geschäfts einlässt. Das sieht auch Andreas Pinkwart, Wirtschafts- und Digitalminister NRW, so: „Nordrhein-Westfalen ist der Handelsstandort Nummer eins in Deutschland. Unser Ziel ist es, die Zukunftsfähigkeit des stationären Handels weiter zu stärken und die Unternehmen bei der digitalen Transformation unterstützen. Es gibt keinen Grund für Schwarzmalerei, aber viele Gründe zum Handeln: Städte und Geschäfte werden sich verändern. Aber ich bin mir sicher, dass ein lebendiger und attraktiver Einzelhandel auch im Jahr 2030 die Menschen in die Geschäfte ziehen wird.“  

Dem stimmt auch Stephan Fanderl, Vorsitzender der Geschäftsführung Galeria Karstadt Kaufhof zu. Es bedarf eines Dreiklangs. Der stationäre Einzelhandel muss sich digitalisieren, die Innenstädte müssen attraktiver und anziehender werden, und Händler vor Ort, ob groß oder klein, müssen sich stärker miteinander vernetzen. „Einkaufen wird mehr und mehr zu einer Freizeitbeschäftigung“, sagt Fanderl.  

Menschen kommen zum Shoppen in die City

Und die Studien des IHF Köln bestätigen seine Aussage. Demnach ist der Hauptgrund für die Menschen, ihre City zu besuchen, die Lust auf ein schönes Shoppingerlebnis bestehend aus Einkaufen und Schaufensterbummel. Gastronomie, Kultur oder Sightseeing sind in der Umfrage dagegen weit abgeschlagen. Und dafür muss ein entsprechender Rahmen geboten werden, auch digital. 

„Wir haben das mit der Digitalisierung im Einzelhandel vor Ort in unserem Experience Store in Düsseldorf ausprobiert“, erklärt Stephan Fanderl. „Und es funktioniert. Uns ist es gelungen, die Mehrheit der Kunden, mehr als zwei Drittel, dazu zu bewegen, wiederzukommen und erneut in dem Shop einzukaufen.“ Dafür habe man insgesamt 25 digitale Applikationen für die Kunden getestet. „Vier davon haben überzeugt und dem Kunden das Einkaufserlebnis digital verschönert“, so Fanderl. 

Einkauf muss virtueller werden

Zum einem ist das die digitale Umkleidekabine. Über einen virtuellen Spiegel kann sie dem Kunden das Kleidungstück in den verschiedensten vorhandenen Farben und Ausführungen vorführen, ohne dass diese sich dafür umziehen muss. Mögliche Zusatzprodukte könne ebenfalls präsentiert werden. Ähnlich funktionieren smart Trays (Ablagen). Die dort abgelegten Produkte werden mit RFID-Etiketten ausgezeichnet. Sobald der Kunde das gewünschte Produkt auf dem Smart Tray platziert, wird dieses erkannt und der individualisierte digitale Content erscheint. Über das Touchpanel kann der Kunden nun die zusätzlichen Funktionen und Services nutzen. Produktbeschreibung, Größen, Farben, 360°-Bilder, Videos und Outfit-Vorschläge können abgerufen werden. Die ausgewählten Produkte können über Touchscreen beim Sales Assistant angefordert, unmittelbar gekauft und über Social Media geteilt werden. Der Kunde kann also ein virtuelles Selfie von seinem Shoppingerlebnis machen und im Internet teilen. Das ist mehr als zeitgemäß. 

Des Weiteren schätzen Kunden in einem Geschäft die Verwendung von mobilen Kassen. So können sie das gewünschte Produkt sofort kaufen und weiterziehen, ohne an einer Kasse warten zu müssen. Und der Einkauf wird dem Kunden natürlich nach Hause geschickt. Für die lokale Außendarstellung haben sich digitale Schaufenster bewährt. Diese gehen auf die Größe ihrer Betrachter ein und zeigen entsprechen unterschiedliche Produkte. Gleichzeitig werden die mobilen Geräte der Betrachter mit einbezogen. 

Digitale Zugpferde für die City

Für Minister Pinkwart ist das der richtige Weg für den stationären Einzelhandel. „Kaufhäuser werden so zu digitalen Zugpferden für die City.“ Gleichzeitig können die Kaufhäuser mit kleineren Einzelhändlern vor Ort zusammenarbeiten, indem sie diesen Kauf- und Lagerfläche anbieten. „Aber auch der kleine Einzelhändler muss sich digitalisieren“, sagt Roxsana Holl von der Zukunftsinstitut Workshop GmbH und verweist auf die Amazon Go Läden. „Auch hier können Kunden sich über ihre Smartphones über die Produkte und deren Geschichte informieren. Gezahlt wird mit dem Smartphone.“ 

Gleichzeitig muss die Digitalisierung des Einzelhandels von den jeweiligen Städten oder Kommunen unterfüttert werden, so die Studien der IFH Köln. Zum einem durch eine attraktive Gestaltung der City und ein gutes Mobilitätsangebot. Einkaufen muss gemütlich sein wie das Online-Shoppen und darf nicht stressen, wie zu Beispiel durch eine nervige Anfahrt.

14.05.2019