Ruck(es) Kolumnen


Beethöv'chen (Foto: E.R.)

"Irre"? Aber ja!

“Irre”: so nannte laut Presseberichten CityMarketingBonn-Chefin Karina Kröber die Resonanz zu den immerhin 700 lächelnden ‚Beethöv’chen‘ auf dem Bonner Münsterplatz.

Da hat Frau Kröber aber Recht. Die  öffentlichkeits-wirksame Aktivität als Hinweis zum Beethovenfest 2020 kann als Erfolg gewertet werden. Eine Mehrheit der Bonner Bevölkerung ist begeistert, knipst sich vor der Schar grün-goldener Gartenzwerge den Handy-Akku mit Selfies leer.

Damit wir uns hier direkt richtig verstehen: Ich respektiere wirklich jeden, der sich an der Performance auf dem Münsterplatz erfreut und sie verbal oder finanziell unterstützt. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, aber es muss erlaubt sein, einen anderen Geschmack und ein anderes Kunstverständnis zu haben, ohne gleich in die kritische Miesepeter-Ecke geschoben zu werden.

‚Irre‘ kann auch anders sein

Wenn eine Mehrheit etwas toll findet, findet eine Minderheit meist das Gegenteil. So ist es immer und eine -  durchaus kompetente – Minderheit fragt sich bei dieser Performance: „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Die Antwort lautet: „Nein, das ist keine Kunst und das kommt - Gott sei Dank - auch wieder weg“. Schon Anfang Juni und bis dahin haben die leicht debil-grinsenden Plastikfiguren zwei Wochen auf dem zentralen Platz herum gestanden. Für viele waren das genau zwei Wochen zu viel.

‚Irre‘ Ideen für den ‚Künstler‘

Sieht man sich die anderen Figuren an, die  Hörl in verschiedenen Städten präsentiert und verkauft hat, fällt auf, dass sie sich alle ziemlich ähnlich sind. Beim zweiten Hinsehen bemerkt man mitunter erst, wer gemeint sein soll. Dem Künstler seien hier noch weitere Ideen für Bonsai-Denkmäler empfohlen: Wie wäre es mit ‚Tünnes und Schääl‘ in Köln, dem ‚Rattenfänger‘ von Hameln und Städte übergreifend dem ‚Ampelmännchen‘? Damit ließe sich noch viel Geld verdienen und nur darum geht es schließlich. Und noch etwas: Ich finde, die berühmten ‚Goldbären‘-Figuren von Haribo haben mehr Profil als die schablonierten Hörl-Puppen.  

‚Irre‘: Pate oder Käufer?

Wer € 300,00 hinlegt (demnächst € 350, mit Signatur € 600/650) wird Besitzer einer Figur. Besitzer oder Pate? Was ist der Unterschied? Warum überhaupt der Begriff ‚Pate‘ in diesem Zusammenhang? Hört sich das nicht so kommerziell an? Lenkt das vom Profit ab und vor allen Dingen die Frage: Wer sackt den Profit ein?

Da interessiert es schon, wieso die Stadt Bonn den Münsterplatz für diese Aktion zum Nulltarif überlässt  mit der offiziellen Begründung, es bestehe ein „öffentliches Interesse“. Dieses Interesse besteht bei Weihnachtsmärkten etc. auch, trotzdem zahlen die Aussteller dafür nicht wenige Standgebühren.

Aber vielleicht  können wir uns ja demnächst über eine großzügige Spende von ‚Konzeptkünstler‘ Hörl zugunsten der Beethoven-Feierlichkeiten freuen. Die Erlöse der Ausstellung seien hier mal auf über € 400.000 geschätzt, abzüglich Steuern, Material- und Arbeitskosten etc. Produziert wird so lange, wie es Nachfrage gibt. Unikate sind etwas anderes.

Nur der ‚echte‘ Beethoven auf dem Denkmalsockel schaut grimmig, kriegt wohl die Krise beim Anblick der industriellen Massenkunst zu seinen Füßen.

Tja, der Begriff ‚Irre‘ ist mehrdeutig und Bonn hat sich mit dieser irren Aktion nicht unbedingt einen Gefallen getan, andererseits aber mal wieder sehr erfolgreich seinen Hang zur Provinzialität bewiesen.

Was  den Begriff ‚Kunst‘ definiert, so sei hier der Literaturkünstler Bertolt Brecht mit seinem berühmten Spruch zitiert: „Kunst ist, wenn man unter Beifall mitten in die Stube scheißt“. Bedeutet für Bonn: Der Münsterplatz ist die gute Stube Bonns und mittendrauf steht unter großem Mehrheitsbeifall eine Armada grün-goldener Sch…figuren.