Ruck(es) Kolumnen


Land der Befindlichkeiten

Was ist los im ‚Land der Befindlichkeiten‘?

Youtuber sind Leute, die nach einem inzwischen einträglichen Geschäftsmodell vor laufender Kamera Computerspiele und Schnellkochtöpfe testen sowie Enthaarungscremes, veganes Grillen, alkoholfreien Wein und allen möglichen sonstigen Konsumunfug empfehlen. Das bringt hohe Einschaltquoten, wie dies beim ‚alten‘ Fernsehen noch genannt wurde. Heute spricht man von ‚Klickzahlen‘ und besonders die junge Generation klickt und kickt sich so durchs Leben. Hohe Klickzahlen bedeuten Aufmerksamkeit, Weiterempfehlung und geschmierten Kommerz. Und darum geht es in der Hauptsache, nicht um Qualität oder Sinnhaftigkeit von Texten und Inhalten.

Neue Dimensionen?

Kurz vor der Europawahl stellte der YouTube-Unternehmer Rezo ein Video ins Netz, in dem es mal nicht um Tipps für eine Hochzeitsfeier im Heißluftballon oder um ein neues Mixgetränk ging, sondern um einen Angriff gegen die Politik der etablierten Parteien.

Nachdem das Europawahl-Ergebnis besonders diesen Parteien - auch in Bonn - desaströse Ergebnisse beschert hatte, laufen Parteigranden aller Couleur mit voller Hose durchs Land angesichts zu erwartender weiterer digitaler, politischer  Massenbeeinflussung besonders von jungen Leuten.

Es geht mir hier nicht um die Inhalte des Rezo-Beitrags und auch nicht um die ungeschickten Reaktionen der etablierten Parteiführungen auf diesen ‚Agent provocateur‘. Es geht mir um die Reaktionen der mittleren und älteren Generationen. Da wird von manchen Verständnis und Freude über ein angeblich erwachendes politisches Engagement der jungen Generation geäußert und alles wird sehr ernst genommen. Wer sich kritisch und mit satirisch-spöttischem Unterton über die aktuellen Wirren in unserer Zeit äußert, wird mit erhobenem und natürlich politisch korrektem Zeigefinger zurecht gewiesen.

Das geht mir neuerdings auf BONNDIREKT auch so. Ich ernte auch Widerspruch und Beleidigungen, immer schön selbstgerecht und humorlos formuliert. Das macht mir aber wenig aus, im Gegenteil: Ich freue mich über steigende Klickzahlen und Reaktionen auf meine Beiträge, die in großer Mehrheit zustimmend ausfallen. Uneingeschränkte Zustimmung habe ich ja nicht erwartet, so viel Provokation und Spott muss sein. Gerade in der mitunter einseitigen Übertreibung und bewussten ‚Unkorrektheit‘ liegt ein gewisser Reiz, der Aufmerksamkeit auf ein kontroverses Thema lenkt.

Über meinen Kolumnen steht „Spot(t) on“: Da soll eben der Lichstrahl auf ein ernstesThema leicht spöttisch geführt werden. Diesen Begriff habe ich bewusst gewählt in Anlehnung an einen Hinweis von Kurt Tucholsky, der einmal behauptete, bei nicht ganz ernst gemeinten Beiträgen müsse man oben rechts das Wort ‚Satire‘ vermerken, damit die LeserInnen die Texte richtig einzuordnen wüssten. Tucholsky (sinngemäß) weiter: „Wenn in Deutschland jemand einen Witz macht, sitzt das halbe  Land auf dem Sofa und ist beleidigt“.

Liebe Leute, nehmt nicht alles ernst, was euch erzählt wird. Von mir nicht und auch nicht von anderen. Und am besten nehmt euch selber nicht so ernst und lacht mal häufiger, es muss ja nicht unbedingt der mit Zwangsgebühren alimentierte schwachsinnige Comedian-Schrott im TV sein. Und deshalb zitiere ich hier Tucholsky zum dritten Mal mit einem weiteren Spruch:

“Was darf Satire? Alles!“.