Bonn Rhein-Sieg


Foto: Deutsche Bahn

Bahn verspritzt Glyphosat – Stellungnahmen

(m.g.) Vor kurzem berichtete BONNDIREKT, dass die Deutsche Bahn auf ihren Gleisen im Bonner Stadtgebiet Glyphosat verspritzt. Das Unkrautvernichtungsmittel ist umstritten und steht im Verdacht, als krebserregend zu sein. Der Artikel (hier der Link) stieß in Bonn auf hohes Interesse. Also hat BONNDIREKT die Deutsche Bahn, die Stadt Bonn und die politischen Fraktionen um eine Stellungnahme zu dem Thema gebeten. Nicht alle haben geantwortet. 

CDU

Christian Gold, umweltpolitischer Sprecher der CDU-Ratsfraktion Bonn: „In Bonn hat die Kommunalpolitik keinen direkten Einfluss auf Maßnahmen der Deutschen Bahn AG. Für den sicheren Zugverkehr soll es erforderlich sein, Gleise von auch nur kleinstem Grün freizuhalten. Die Deutsche Bahn behandelt wohl einen Großteil ihrer Gleise (größer 90 %) mit Herbiziden (inkl. Glyphosat). Dies soll durch beauftragte Fachfirmen erfolgen, die sicherstellen, dass keine Wirkstoffe in angrenzende Flächen gelangen. In welchem Umfang oder zu welchem Zeitpunkt die Deutsche Bahn AG auf ihren Gleisanlagen im Bonner Stadtgebiet Herbizide einsetzt, ist mir nicht konkret bekannt. Die Stadt Bonn und ihre Dienstleister setzen bereits seit längerer Zeit keine Herbizide auf Park- und Grünanlagen, Friedhöfen oder Sportstätten mehr ein. Ich würde mich freuen, wenn auch die Deutsche Bahn AG freiwillig auf Glyphosat verzichten würde, sofern es für diesen Bereich hierzu Alternativen gibt.“

Bündnis 90/Die Grünen

Rolf Beu, Mitglied Bündnis 90/Die Grünen und Vorsitzender des Planungs- und Verkehrsausschusses: „Unbestritten sind die negativen Folgen des Glyphosateinsatzes für Tier- und Pflanzenwelt ganz erheblich. Glyphosat trägt maßgeblich zum Artensterben bei. Eine wissenschaftliche Studie aus September 2018 legt nahe, dass Glyphosat auch eine Ursache für das weltweite Bienensterben sein könnte. Laut Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“. Die Europäischen Bürgerinitiative gegen Glyphosat fordert seit Jahren ein Verbot des Herbizids.

Da das Mittel aber noch zugelassen ist, bestehen keine rechtlichen Handhaben gegen die Deutsche Bahn. Die DB hat - anders als die nichtbundeseigenen Bahngesellschaften - dagegen bereits erklärt, dass sie die Verwendung dieses „zulässigen Mittels zum Erhalt der Betriebssicherheit für unverzichtbar“ hält. Die Stadt könnte Bundeskanzlerin Merkel und Verkehrsminister Scheuer anschreiben, sich bei ihrem Bundesunternehmen dafür einzusetzen, dass der Einsatz von Glyphosat bei der DB eingestellt oder wenigstens reduziert und auf andere Mittel oder besser noch auf alternative Bekämpfungsmethoden (z. B. Abflämmen, Flüssigstickstoff, Heißdampf etc.) umgestellt werden soll. Auch Initiativen über den Deutschen Städtetag als kommunalen Spitzenverband wären denkbar. Faktisch sind die Einflussmöglichkeiten der Stadt Bonn gegenüber der DB aber extrem begrenzt.“

SPD

Dr. Stephan Eickschen, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Bonn: „Sollte die Deutsche Bahn tatsächlich die genannten Pflanzenvernichtungsmittel entlang der Bonner Bahntrasse nutzen, kritisiert die SPD-Fraktion im Rat der Stadt Bonn dies. In Anbetracht der Diskussionen der letzten Jahre wäre es zudem unverantwortlich von der DB, die betroffenen Städte nicht rechtzeitig vor dem Einsatz der Spritzzüge zu informieren. So wird eine Information der Anwohnerinnen und Anwohner entlang der Strecken verhindert. Das ist nicht hinnehmbar, auch wenn die Mittel grundsätzlich zugelassen sind und die Deutsche Bahn für die Sicherheit der Strecken Sorge zu tragen hat.“

Allianz für Bonn

Elisabeth Struwe, umweltpolitische Sprecherin der 'Allianz für Bonn'- Ratsfraktion: „Bezüglich des Einsatzes dieser Herbizide durch die Deutsche Bahn gehen wir nach derzeitiger Informationslage allerdings davon aus, dass es keine angemessenen und praktikablen Alternativen auf dem Markt gibt, die garantieren, dass die Verkehrstüchtigkeit der Bahn und damit die Sicherheit der Reisenden gewährleistet wäre. Die Deutsche Bahn gibt für die Notwenigkeit, den Pflanzenwuchs zu unterbinden, folgende Erklärung ab: „Schon kleine, zarte Pflanzen können für den Zugverkehr zum Problem werden. Denn Pflanzen und ihre Rotteprodukte halten das Wasser im Gleis fest. Dadurch kann beispielsweise der Untergrund aufweichen und bei Frost leichter aufbrechen. In der Folge können Gleislagefehler entstehen, die aufwändige Sanierungsmaßnahmen nach sich ziehen. Daher müssen Bahnanlagen, Signale und Gleise regelmäßig von Pflanzen und Bäumen freigehalten werden. Damit diese Vegetations-kontrolle schonend erfolgt, hat die Deutsche Bahn verbindliche Vorgaben erarbeitet.“ Allerdings befürworten wir, dass geprüft wird, ob der Absprühwinkel der Herbizide eventuell so verändert werden kann, dass angrenzende Areale nicht von den Mitteln betroffen sind. Vor allem sollte aber von neutralen wissenschaftlichen Instituten untersucht werden, ob nicht Ersatzstoffe mit geringeren negativen Auswirkungen auf die Umwelt zur Verfügung stehen. Z.B. haben Chemiker an der Universität Tübingen ein Zuckermolekül entdeckt, das auf Pflanzen eine ganz ähnliche Wirkung hat wie Glyphosat. Es hemmt das Wachstum bei Pflanzen, Bakterien und Pilzen. Für Tiere und Menschen wird es als ungefährlich eingeschätzt. Ein Zufallsfund, der große Hoffnungen weckt.“

Deutsche Bahn

Eine Sprecherin der Deutschen Bahn erklärt: „Die Vegetationskontrolle ist unverzichtbar für einen sicheren Bahnbetrieb. Die DB verwendet dabei ausschließlich Herbizidprodukte, die vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) speziell für den Gleisbereich zugelassen sind. Der Anteil der DB liegt bei 0,4 Prozent der in Deutschland insgesamt ausgebrachten Herbizidmengen (Zahlen 2017). Qualifizierte Fachfirmen arbeiten nach strengen Kriterien im Auftrag der Bahn. Glyphosat wird u.a. nicht in Schutzgebieten und über offenen Gewässern sowie auf Brücken eingesetzt. Leider stellen derzeit weder thermische noch mechanische Verfahren eine Alternative zum begrenzten Einsatz von Herbiziden im Gleisbereich dar. Selbstverständlich wird die DB weiterhin nach alternativen Möglichkeiten im Dialog mit Forschungsinstituten und der Industrie suchen und diese erproben.“

Stadt Bonn

Isabel Klotz, Sprecherin der Stadt Bonn: „Den Einsatz der genannten Stoffe von Dritten zu kommentieren ist nicht unsere Aufgabe. Das zu regeln oder zu unterbinden ist Angelegenheit der Landwirtschaftskammer. Den Einsatz der DB (und andere) regelt der Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer. Bei uns - weder beim Amt für Stadtgrün noch bei Umweltamt - sind Beschwerden bekannt.

Auch sind wir nicht die richtige Stelle für eine grundsätzliche Einschätzung der Bedenklichkeit oder Unbedenklichkeit der eingesetzten Stoffe. Diese sind legal. Eine Informationspflicht besteht sicher nicht, wenn überhaupt, wäre dies aber nicht Sache der Stadt, sondern in diesem Fall der DB. Die Stadt Bonn wird über solche Einsätze überhaupt nicht informiert. Die Stadt Bonn nutzt diese Stoffe aus einem natur-orientierten Selbstverständnis heraus nicht. Wir versuchen, unsere Flächen naturnah und insektenfreundlich zu pflegen. Daher akzeptieren wir es auch, wenn es mal nicht so proper aussieht - im Gegensatz zu manchem Bürger.“

FDP, Die LINKE und der BBB haben auf die Anfrage von BONNDIREKT nicht reagiert.

07.06.2019