Ruck(es) Kolumnen


Mal was anderes!

Es ist Sommer, die Ferienzeit hat begonnen, da wollen wir uns bei „Spot(t)-on“ auf BONNDIREKT mal entspannen, die rheinische Kommunalpolitik mit all ihren irrsinnigen Facetten vergessen und uns den unterhaltsamen Aspekten im wunderbaren Rheinland widmen. Zum Beispiel unserem Dialekt.

Bis zum Ende der Ferienzeit tritt die Politik also in den Hintergrund. Gelästert und gestänkert wird erst wieder gegen Ende August. Es sei denn, der galoppierende Wahnsinn in der Bonner Kommunalpolitik und den ‚angeschlossenen Ortschaften‘ leistet sich auch in der sitzungsfreien Zeit ein paar neue Rohrkrepierer, was bei der personellen Besetzung in den verantwortlichen Gremien niemand auszuschließen vermag. Auf unserer Rubrik „Bonn Rhein-Sieg“ lesen Sie aber weiterhin, was sich so alles ereignet und für viele Mandatsträger zählt: „Ja, wir haben zwar wenig Ahnung, aber das hindert uns nicht, diese kund zu tun und auch noch gegen den Willen der Bevölkerung umzusetzen“. Wenden wir uns also in der Ferienzeit einer liebenswerten rheinischen Eigenschaft zu: Dem Dialekt.

Rheinisch ist nicht platt (Teil 1)

Rheinischer Dialekt wird auch 'Platt' genannt: Kölsch-Platt, Bergisch-Platt, Bönnsch-Platt, Düsseldorfer Platt und natürlich Vürjerbirschs-Platt um Bornheim. Dabei gilt: „Luur ens“ = Guck mal! / „Hüür ens“ = Hör mal! / Verzäll ens“ = Erzähl mal!

Unterschiedliches Image von Dialekten

Bayern liegt vorne: Zumindest was Fußball und Dialekt angeht. ‚Bayerisch‘ zu reden oder nachzuahmen gilt als ‚hip‘ und auf unzähligen, von lärmender Müllmusik begleiteten Oktoberfesten von Sylt bis zum Bodensee, von Trier bis Görlitz kommt nicht nur krachledernde Einheitskost vom belanglosen Krautsalat bis zur schlüpfrigen Weißwurst auf den Tisch, es werden auch krachledernde Sprüche aufgetischt wie: „Z‘dick bist net, aba für dei Gwicht z‘kloa“ (Rheinisch übersetzt etwa so: “Zo deck beste net, äwwer für ding Jewisch beste zo kleen“).

Wobei: Ziselierte, feinsinnige Sprachwendungen findet man auch in anderen Dialekten eher selten. Es ist ja gerade die direkte Art, welche regionalen Sprachen zu einer kompromisslos offenen und ehrlichen Kommunikation verhilft. Davon haben früher Heimatbühnen wie das „Millowitsch-, das Ohnsorg-Theater“ und die TV-Sendung 'Königlich-bayerisches Amtsgericht profitiert.

Dialekt lebt im sozialen Umfeld, ist mitten aus dem Leben und beschreibt häufig Nachbarschafts- und Berufsprobleme einer breiten Schicht und da geht es eben nicht gekünstelt zu. Mit dem rheinischen Spruch: „Isch glöv, Du häs en Pann kapott“ ist viel präziser die Einschätzung über einen Andersdenkenden ausgedrückt als mit dem Satz: „Ich bin mir nicht sicher, ob Sie zu dieser Frage eine adäquate Einstellung haben“.

Wer spricht rheinisch?

Zu meinen Gymnasiums-Zeiten in den sechziger Jahren galt „rheinisch“ als unfein. Meine leicht elitären Mitschüler und Söhne vermögender Eltern aus der ganzen Republik auf einem Bad Godesberger Jesuitengymnasium sprachen alle hochdeutsch und ein rheinischer Knabe aus dem Kleinbürgertum wurde da aufgrund seiner dialektischen Einsprengsel eher etwas abschätzig betrachtet. Das war sogar zu verstehen, weil in größeren Städten Dialekte mehr in Arbeitervierteln gesprochen wurden. Der legendäre Sänger Franz-Josef Degenhardt vertonte diese Sozialstruktur in seinem berühmten Song von den „Schmuddelkindern aus der Unterstadt“.

Die Zeiten, in denen der rheinische Dialekt die Sprache der „Ärmeren oder weniger Gebildeten“ war, ist längst vorbei. Heute bemühen sich viele Zugezogene aus dem Inland und auch aus dem Ausland in nahezu rührend anmutenden Integrationsbemühungen den rheinischen Dialekt nachzuahmen. Der aus Südtirol stammende angelernte Rheinländer Konrad Beikircher amüsiert seit vielen Jahren das Publikum mit Episoden von „rheinischem Dress“ und dessen Hintergründigkeit. Tolerant oder eher bequem, wie Rheinländer nun mal sind, sehen sie ihm dabei auch den einen oder anderen „rheinischen Sprachfehler“ nach: „Ejal, wat der verzällt, irjenswie hätt der jo Rääch“.

Das Bemühen ausländischer Mitbürger*innen, an der rheinischen Sprache und ihrer Seele teilzuhaben, bleibt mir mit einer Episode aus den achtziger Jahren für immer in Erinnerung. Ein afrikanischer Krankenpfleger aus Obervolta mit tiefschwarzer Hautfarbe, mit dem ich damals in einer Bonner Kneipe öfter Skat spielte und der eigentlich französisch sprach, erregte sich nach einem verlorenen Spiel über einen Mitspieler lautstark mit dem Satz: „Wo simmer dann he, em Kongo? Du spels wie en Trööt. Bestell drei Kölsch“.

Gewisse rheinische Sprachreservate gibt es immer noch. So findet man das Idiom deutlich häufiger in Gasthäusern des Vorgebirges oder anderen Teilen des Rhein-Sieg-Kreises als in pseudo-schicker City-Gastronomie. In den dortigen „Lounges“ geht es eher „denglisch“ zu, jener verquasten Kombination von deutschen und englischen Ausdrücken, garniert mit modernen Floskeln aus der „Whats-up“-Sprachwelt wie „cool, ja genau, keine Ahnung, mega, supi“.

Da lobe ich mir doch die Authentizität des unverfälschten Rheinisch, das meist schneller auf den Punkt kommt und sich auch noch in feiner Ironie ergeht: „Wann willst Du dann bei mir vorbei kumme? Morje? Dat wär mit sehr rääch, wenn du net käms. Ja, isch sare, wie et ess“.