Essen+Trinken


Es wird wieder gelesen!

(R.Vin) - So eine Überschrift hätten sich viele für den Literaturbetrieb gewünscht. Ich auch! Leider bezieht sie sich aber nicht auf den vermehrten Konsum klassischer Bücher, sondern jahresbedingt auf die Weinlese.

Sie sind schon gestartet: Die Abschneider mit der Rebenzange und schnibbeln an den Stöcken. In großflächigen deutschen Anbaugebieten geht es zuerst los: Rheinhessen, Pfalz und Baden. Es sind nicht unbedingt die edelsten Trauben, die zuerst geerntet werden, denn sie enden meist als ‚Federweißer‘. Dazu zählen Bacchus, Huxelrebe, Ortega und alles, was schnell viel Oechsle und Süße bringt. Chardonnay, Grauburgunder und besonders Riesling sind einfach zu schade und haben es nicht verdient, dass man Federweißer aus ihnen macht. Ein Kobe-Rind verarbeitet man ja auch nicht zum Burger mit Ketschup oben drauf.

Federweißer ist ein milchiger, nicht filtrierter Rebensaft, der sich täglich verändert, weil er gärt. Der Zuckergehalt der Trauben wandelt sich bei entsprechenden Temperaturen in Alkohol, wie eine Raupe in einen Schmetterling. Zu Anfang schmeckt er süß, dann macht er mehr und mehr schwindelig. Das ist ähnlich wie in der Politik und da werden doch glatt Assoziationen an Sprüche bestimmter Politiker*innen wach.

Ursprünglich war Federweißer das Getränk der Erntehelfer, das während der Lesezeit getrunken wurde. In den frühen siebziger Jahren wurde Federweißer  in der damals startenden gehobenen Gastronomie „trendy“.

Der Verkauf des ‚Babyweins‘ schaffte Winzern wie Händlern gute Profite. Immerhin sparte man den gesamten Produktionsprozess (Klärung, Fassabstich etc, Abfüllung in Flaschen mit Etikettierung, Prüfnummern sowie den Wust an Formalia. Der Saft wurde in transportablen Plastikfässern oder Kanistern an kleinere Händler außerhalb von Weinanbaugebieten verkauft.

Schon bald entdeckten deshalb auch Supermarkt-Ketten den Federweißen, der auch andere Namen führte: ‚Sauser, Bitzler oder gar 'Rauscher‘. Der letzte Begriff ist darauf zurück zu führen, dass man den Gärprozess des jungen Rebensaftes tatsächlich auch ‚hören‘ kann: Es rauscht im Fass.

Allerdings sollte man den Jungspund nur wenige Tage nach der Ernte und der begonnenen Gärung trinken. Wenn er älter als eine Woche ist, schmeckt er in Richtung ‚Pinselreiniger‘. Die Haltbarkeit wurde zum Problem für die Supermarkt-Ketten. Die Lösung: Die Brühe wurde pasteurisiert, um sie länger haltbar zu machen und sie stammt häufig aus der „EU“. Von dort stammt auch eine Menge anderer schwer verdaulicher Produkte. Es haben also viele - besonders Osteuropäer - in die Federweißer-Suppe gespuckt.  Das Ergebnis: „Grauenhaft“.

Mein Tipp: Kaufen Sie keinen Federweißen im Supermarkt, lutschen Sie lieber am Daumen. Federweißer schmeckt nur vor Ort bei einem Besuch im Weinanbaugebiet während der Ernte. Von mir aus auch mit Zwiebelkuchen, aber auch dieses Klischée muss nicht ewig bedient werden. Nehmen sie dazu lieber eine Scheibe Wildpastete und ein nicht zu weißes Weißbrot. Mir schmeckt das und ich bin sicher: Ihnen auch!

17.08.2019