Ruck(es) Kolumnen


Neulich in Eisenach

Heute mal nichts Regionales, dafür Überregionales mit Blick in die ehemalige „DDR" -

(natürlich mit Gänsefüßchen!).

Ich habe  mir ein paar Tage Erholung gegönnt. Zu diesem Zweck bin ich in den Südosten Berlins an den Müggelsee gefahren. Im benachbarten Spreewald kann man wunderbar mit dem Fahrrad kreisen, ohne einem Menschen zu begegnen. Das macht den Kopf frei und liefert mentale Energie.

Um die knapp 700 Kilometer von Bonn bis in den Spreewald zurück zu legen, habe ich das e-Bike auf meinen SUV geladen. Es war mir einfach zu beschwerlich, mit zwei Koffern und einem Fahrrad für einen einstündigen Flug ein Flugzeug zu besteigen. Außerdem hätte ich nach der Ankunft in Tegel noch 9mal mit zwei Koffern und dem Fahrrad bei Nutzung des vorzüglichen Berliner ÖPNV umsteigen müssen. Das wäre sogar in knapp drei Stunden zu schaffen gewesen, dem Dreifachen der reinen Flugzeit. Autokritiker unter meinen Lesern*innen werden jetzt einwenden, ich hätte ja den ICE nehmen können. Der hält aber nicht im Spreewald, sondern in der Innenstadt und die anschließenden Umsteigezeiten bleiben gleich.

Deshalb also das Fahrrad hinten auf den SUV geschnallt, der 8,5 Liter auf 100km benötigt und bei mäßiger Geschwindigkeit schon wegen des Fahrradgepäcks überschaubare Schadstoffe ausstößt.  Mit solch einem Auto werde ich wahrscheinlich demnächst in Bonn an einer roten Ampel in der Reuterstraße von vierzehnjährigen Weltklima-Rettern gesteinigt, da nützt mir dann auch das Fahrrad auf dem Autorücken nichts mehr.

Sie werden platziert

Auf der langen Hinfahrt machte ich in Eisenach Zwischenstation und hatte noch einmal eine nette Begegnung mit der Gastronomie im Stil der ehemaligen DDR, deren Restaurants ich in den achtziger Jahren mehrmals kennen lernte. Damals gab es noch „HO-Gaststätten“, deren Innenarchitektur so gemütlich wie eine Berliner S-Bahn aus den Sechzigern war. In diesen Abfütterungsställen roch es nach Bohnerwachs, Reinigungsmittel und altem Fett. Auf den Speisekarten standen rund zwanzig Gerichte, von denen etwa vier bestellt werden konnten, Soljanka und Zwiebelfleisch waren die Renner.

Hatte man ein Restaurant betreten, wurde man nach wenigen Metern von einem Schild gestoppt, auf dem zu lesen war: „VORSICHT RUTSCHGEFAHR“ (‚Frisch gebohnert‘) und es folgte der Hinweis: „Sie werden platziert“. Das Servicepersonal verfügte über Charme und Freundlichkeit wie die Volkspolizei im ehemaligen Arbeiter- und Bauernparadies und es war kurz gesagt diese Art von unfreiwillig-komischer Event-Gastronomie, über die ich mich schon damals prächtig amüsiert habe.

Das hat sich aber schon dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung sehr verbessert. Von außen und von innen sehen Restaurants in Kleinstädten auf dem ehemaligen DDR-Gebiet viel ansprechender aus. Und was ist mit Service und Qualität?  

Ein von außen attraktives Restaurant in Eisenach sieht innen dunkel aus. An der Türe hängt ein DIN-A4-Blatt mit dem selbstgedruckten Text: „ÖFFNUNGSZEITEN“. Darunter steht: „Montags und Dienstags geschlossen“. Es ist aber Samstag um 19:30h und von Urlaub ist auch nichts zu lesen. Mehrere Ruhetage waren auch eine Spezialität in der früheren DDR-Gastronomie.

Dreißig Meter weiter gibt es noch ein Lokal. Ich betrete es und verkünde, ich sei allein, möchte etwas essen und trinken. Nach 5 Minuten erhalte ich die Auskunft, es sei voll im Gastraum, aber ich könne gerne im Frühstücksraum des Hotels Platz nehmen. Der Raum verfügt über das Ambiente eines Tanzsaals in den siebziger Jahren. Am einzig besetzten Tisch schlabbert ein älteres Ehepaar eine Kartoffelsuppe durch die Zahnprothesen.

Die Kellnerin kommt schnell und fragt „Bitte?" Ich sage mit rheinischer Fröhlichkeit: „Was empfehlen Sie denn oder was muss heute Abend unbedingt noch weg, bevor es schlecht wird?" Sie antwortet ungerührt: „Wir haben alles, was auf der Karte steht". Na ja, denke ich, das war früher wohl mal anders und sage zur Kellnerin: „Wenn ich schon mal hier bin, esse ich doch vielleicht die landestypische Spezialität: Die Original Thüringer Bratwurst". Es muss ja nicht immer Maine-Lobster oder Kobe-Rind sein. Zur Wurst bestelle ich ein großes Bier, weil ich keine Lust auf den einzig angebotenen Weißwein, einen popeligen ‚Müller-Thurgau‘ habe. Meine Frage nach einem trockenen Riesling beantwortet die Kellnerin mit dem Kurzspruch „Hamwer nich“.

Die Wurst kommt blitzschnell und wird auf der Plastik-Tischdeko abgestellt mit der Bemerkung: „Guten Hunger". Das bleiche Stück liegt in der Mitte des Tellers und wird von zwei ‚Sättigungsbeilagen' eskortiert. Früher verbarg sich hinter diesem Begriff meistens Rotkohl, das Lieblingsgemüse der alten DDR. Die ‚Original Thüringer Bratwurst' hat eine Konsistenz wie ein wochenlang gewässerter Radiergummi und kommt diesem wahrscheinlich auch geschmacklich ziemlich nahe, was allerdings eine Vermutung von mir ist, weil ich nicht so oft Radiergummis bestelle, geschweige denn esse.

Die aktuelle Sättigungsbeilage sieht aus wie geschredderte Steckrüben, über denen dem Koch infolge Arthritis die Hand mit dem Muskat-Streuer ausgerutscht ist. Auf der anderen Seite der Bratwurst langweilt sich ein Löffel  Instant-Püree. Zwei Drittel der Wurst lasse ich liegen und auch vom Rest nehme ich nur homöopathische Dosen.

Die Kellnerin naht erneut, räumt wortlos den kulinarischen Super-Gau vom Tisch, für den immerhin €13,80 aufgerufen werden. Ich rufe ihr hinterher: „Denken Sie an das Bier?" Das bringt sie dann endlich und ich beschließe, an diesem Abend statt zu essen, lieber Bier zu trinken. Ja, es gibt sie noch, die typische, alte DDR, zumindest in Teilen der Gastronomie und ich habe es genossen.

Und wenn ich demnächst auf der neuen, mit bestem Belag versorgten Autobahn an Eisenach vorbei rausche, stelle ich den Tempomat etwas höher, auch wenn mein SUV dann einen Liter mehr verbraucht. Zum Ausgleich verzichte ich wegen erhöhtem Co2-Ausstoss auf einen Liter Bier in der thüringischen Provinz.  

Mahlzeit!

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