Essen+Trinken


(Foto: A.S.)

Restaurantkritik: Zwei kritische Empfehlungen

Anna Seibert und der Elefant

Von Peter Silie + Rosa Pfeffer

Zwei Restaurants, die erst kürzlich in Bonn und in Rheinbach die Gastroszene mit Wiedereröffnungen bereicherten, haben wir besucht. In Bonn den legendären ehemaligen „Gequetschten“ am Friedensplatz/Ecke Sternstrasse, der sich jetzt wieder wie  früher ‚Elefant‘ nennt und in Rheinbach das ‚Anna Seibert‘ in einem alten Fachwerkhaus, etwas zurückliegend an der Rheinbacher Hauptstrasse.

Beide – eigentlich sehr unterschiedliche – Lokale haben einiges gemeinsam und einiges, was sie trennt. Beide befinden sich noch in der Startphase, werden sicher die Erfahrungen der ersten Wochen in konzeptionelle Weiterentwicklung einbauen und sind eine aktuelle Bereicherung in die immer mehr sich ausbreitende langweilige System- und Kettengastronomie. Beide Lokale verfügen über eine individuelle vom Inhaber bzw. Koch geführte Handschrift und befinden sich in nicht mehr ganz jungen Gemäuern, die mit moderner, angenehm heller Raumatmosphäre renoviert wurden. Man fühlt sich wohl.

Feine regionale Küche

Im ‚Anna Seibert‘  residiert und kocht Benedikt Frechen, ein Kochkünstler, der  in den letzten Jahren in einschlägigen und seriösen Restaurantrankings (‚Gault Millau‘)  hervorragende Bewertungen erzielte. Sein Lokal hat er nach seiner Großmutter (Anna Seibert) benannt und ‚Omas Küche‘ ist gleichzeitig auch Programm in der Küche, allerdings auf moderne Art, die Frechen selbst ‚feine regionale Küche‘ nennt.

Die eher unspektakuläre Speisenkarte bietet im wöchentlichen Wechsel rund ein Dutzend Gerichte, ergänzt durch saisonale Angebote. Wir bestellten Rinderbäckchen mit Selleriepüree, gepickelten weißen Zwiebeln und gegrillten Saitlingen sowie Kabeljaufilet an Bratkartoffelcrème mit Feldsalat und Senfsoße von Kölner Senf. Geschmacklich alles hervorragend, die Portionen eher überschaubar.

Die offene Weinkarte bietet ebenfalls eher Unspektakuläres: Unter anderen den unvermeidlichen Grauburgunder, leider keinen trockenen Riesling, aber einen wertigen Blanc de Noir. Letzteren haben wir bestellt und er verführte mich beim herbei gerufenen Kellner zu dem Satz: „Haben Sie Lust meinen ältesten Restaurant-Killerspruch zu hören?“ „Sicher“, meinte der Kellner und ich antwortete: „Haben Sie außer Weißwein noch andere warme Getränke? Bringen Sie mir doch bitte unauffällig etwas Eis, das bemerkt am Nachbartisch niemand“.

Der Nachbartisch hatte wegen der engen Räumlichkeit des Lokals trotzdem alles mitbekommen und amüsierte sich. Aber auch der Kellner im  ‚Anna Seibert‘ reagierte hervorragend: Er brachte einen kühlenden Eiswürfel und servierte ihn elegant in einem Sorbet-/Cocktailglas, was den Nachbartisch zu der Frage animierte: „Das sieht aber gut aus, hab ich auf der Karte gar nicht gefunden?“  So geht es, wenn es spontan zugeht und das macht meistens Freude. Unsere weiteren Weinbestellungen waren anschließend bestens temperiert.

Der „entquetschte“ Elefant

Zur Mittagszeit war während des Weihnachtsmarktes das Lokal halb gefüllt, ältere Semester dominierten. Die Küche im ‚Elefant‘ passt zur Einrichtung, wir würden sie als leicht gehobene Brauhaus-Küche bezeichnen.

Unser bestelltes Gulasch mit Nudeln und Wiener Schnitzel wurden zügig serviert, was für weitgehende Vorbereitung spricht. Geschmacklich nichts auszusetzen, aber acht Bröckchen Fleisch (von guter Qualität) und eine Kelle Spiralnudeln weckten Erinnerungen an die nahe gelegene Stadthauskantine in früheren Jahren.  Beim Wiener Schnitzel eine ähnliche Bewertung: Gute Fleischqualität, aber ein eher kleines einziges Stück und die sich dazu  gesellenden runden Kartoffeln waren wohl froh, ihrem Dosengefängnis entsprungen zu sein. Der zu beiden Gerichten servierte Gurkensalat im kleinen Weckglas konnte das etwas enttäuschende Mittagsmahl auch nicht mehr retten. Als Getränke griffen wir wegen überhöhter Weinpreise im 0,15-Glas lieber zum Kölsch.

Eine verbale Bewertung des neuen, alten Elefant  könnte vielleicht so lauten: Räumlichkeit recht gut gelungen, luftig, hell, nichts erinnert mehr an die frühere gequetschte Bretterbude. Personal sehr freundlich und aufmerksam, Speisenkarte etwas langweilig und nicht gerade preiswert, Weinpreise für ein Lokal dieser Art inakzeptabel. Aber jetzt noch etwas sehr Positives: Die völlig erneuerte Toilettenanlage ist ein ‚Vorzeigeort‘.