Lebensmittel-Lexikon ‚P‘

Von R.Winus

ESSEN: PFERDEFLEISCH

Roßbratwurst oder Rostbratwurst? Pferdefleisch ist ein heikles Thema. Ganz schnell ist man in einer einsamen Ecke, wenn man sich für den Genuss von Pferdefleisch ausspricht. Nicht nur der Hund, auch das Pferd ist doch der „Kamerad des Menschen“ und Hunde essen wir ja auch nicht. Zumindest nicht hierzulande, in Asien sieht das schon anders aus. Beim Reitturnier von Zynikern vorgetragene Sprüche wie „Da kommt Alwin Schockemöhle auf ‚Sauerbraten‘ sind schon herb und finden bei Pferdefreunden natürlich keinerlei Verständnis. Das verstehe ich.

Dabei schmeckt das Fleisch von „Equus caballus“ (franz.: cheval/engl: horse) besonders zart und kräftig im Aroma und erfreut sich unter Feinschmeckern hoher Gunst, sofern das Tier sein drittes Lebensjahr nicht erreicht hat. In genussfreudigen Ländern wie Belgien und Frankreich hat man da weniger Bedenken und 1856 wurde von Pferdefleisch-Befürwortern ein großes Showessen mit Pferdegenüssen für Prominente zelebriert.

Dazu trank man passend einen Spitzenwein aus dem Bordeaux mit dem gefälligen Namen ‚Cheval blanc‘, was ich frei übersetzt für ‚Schimmel‘ halten würde.

In den belgischen Ardennen gibt es immer noch eine respektable Zahl von speziellen Pferdemetzgereien, während in der Bonner Altstadt, in der ich lange wohnte. die letzte Metzgerei dieser Art in den siebziger Jahren dicht machte. Ich bin dort nie gewesen, weil auch ich als junger und noch unerfahrener Nachwuchs-Gourmet keine Meinung zu Pferdefleisch hatte.

Für weitere Auskünfte zum Thema ‚Pferdefleisch‘ stehen aber sicherlich die einen oder anderen jungen Veganer und selbstverständlich Veginnen zur Verfügung, wenn man sie befragen würde. Aber wer will das schon? Sie werden in der Regel zwar noch nie Pferdefleisch gegessen haben, was sie nicht daran hindern würde, alles darüber zu wissen und es auch noch ungefragt zu verkünden.

Trinken: Portwein


Den Engländern sagt man ja gerne nach, sie seien etwas „spleenig“ und hätten ein ebensolches Verhältnis zu Essen + Trinken. Beim Trinken scheint das auch zu stimmen, aber da muss ich meine englischen Freunde mal sehr in Schutz nehmen. Die Verdienste des englischen Königreichs in Europa und auf der Welt liegen primär in seinen Beiträgen zu qualitativ besten alkoholischen Getränken und natürlich den hervorragen Beiträgen zur Popmusik.

Von der Musik reden wir hier aber nicht, wir reden von der Musik in unseren Kehlen und Geschmacksnerven und dazu zählt natürlich kritisch auch der Portwein. Eine wesentliche Triebfeder englischer Kolonialpolitik war die Sicherung von Qualitäts-Alkohol aus südlichen Rebenländern, der dann in diversen englischen Clubs bei mehr oder weniger geistreichen Gesprächen verblasen wurde.

Der aus dem oberen Douro-Tal in Nordportugal stammende Portwein machte Karriere als Aperitif- und Dessertwein. Ein nur schwer durchschaubares Weingesetz mit legalisierten Pantschereien verwandelten den ursprünglich eher dünnen Wein in einen Hardcore-Drink, der mit 19-21 Vol.-% Alkohol einen „Highway zum Kopf“ darstellt.

Was man bei einem nicht mehr frischen normalen Wein als Überlagerung bezeichnet und nicht haben will, ist beim Portwein Methode. Durch das Vermischen verschiedener Jahrgänge und unter Hinzusetzung von 76%igem Weingeist entsteht ein Getränk, das den Portwein-Schlürfer schnell die Augen verdrehen lässt: Aus Begeisterung oder aus befremdlichem Geschmack. Und wer hat’s erfunden bzw. verbreitert? Nein, diesmal nicht die Schweizer mit ihrem Hustenbonbon, sondern die immer gerne schnell schwindeligen Engländer.

Das wussten Sie jetzt nicht? Nun, die Engländer haben auch im französischen Cognac-Gebiet ihre Sucht nach gepflegtem Alkohol ausgelebt, wovon noch heute englische Namen auf französischen Cognac-Flaschen (HINE) sprechen. Das können Sie mir glauben, diese stehen bei mir im Wohnzimmer nicht nur herum, ich unterhalte mich gelegentlich auch mit ihnen.

Zurück zum Portwein: Auch beim Discounter gibt es inzwischen Portwein. Das sind für den Massenkonsum komponierte trinkfertige schlichte „Tawny Ports“, die sich bestenfalls zur Geschmacksanreicherung von Tomaten- oder Hummersuppen aus Dosen eignen. „Vintage character“ bezeichnet den Portweinblend (Mix / Cuvée / Verschnitt) mehrerer ausgewählter Jahrgänge, sie sind körperreich, fruchtig, besitzen Farbe und Tannin und erinnern geschmacklich mitunter an Teppichlöser.

Portwein, ob süß oder trocken, ist ein Getränk mit Weltanschauung und so formulierte ein gewisser Lord Arthur Tynesbury, der sich gerade für Portwein erwärmt hatte, den spleenigen Spruch: „Dieses Getränk wird in unserem Land der kalten Fußböden eine große Zukunft haben“.

Tja, so sind sie halt, unsere britischen Freunde. Da verzeihe ich sogar den Brexit und erhebe mein Glas mit dem bekannteren Spruch, der da lautet: „God save the King“. Oder wen denn sonst?