Bonner GA-Interview mit Konrad Beikircher
Konrad Beikircher über das Überleben auf rheinische Art, die typisch rheinische Zuversicht und die Bonner Stadtpolitik.
Interview von Thomas Kölsch

Konrad Beikircher fühlt sich seit beinahe 60 Jahren im Rheinland wohl. (Foto: Thomas Kölsch)
Es ist schnell vergessen, dass Konrad Beikircher gar kein gebürtiger Rheinländer ist. Seit Jahrzehnten fungiert der 78-Jährige als inoffizieller Botschafter seiner Wahlheimat, indem er mit allerlei Anekdoten das rheinische Wesen kommentiert und kolportiert, es liebevoll karikiert und es mitunter auch analysiert.
Am 18. April feiert sein neues Programm „Überleben – wat sonst?!“ im Pantheon Premiere. Im Vorfeld sprach der Kabarettist auf dem Katharinenhof mit Thomas Kölsch.
Ihr neues Programm trägt den Titel „Überleben – wat sonst?!“. Eine gewisse Doppeldeutigkeit ist dabei nicht von der Hand zu weisen: Immerhin sprechen Sie schon seit Jahren auf der Bühne über Leben. Was ist jetzt beim neuen Programm anders?
Konrad Beikircher: Was ist da anders? Tja, mit 78 schaust du ein bisschen anders auf das Leben als mit 40. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass die rheinische Mentalität viele Krisen im Leben erleichtert, wenn man sich auf sie einlässt. Et kütt wie et kütt: Das heißt die Realität anerkennen und die Zukunft gelassen entgegennehmen. Also habe ich mich gefragt, wie ich diese und andere Weisheiten der Rheinländer an die Welt weitergeben könnte. Und natürlich kam dann konsequenterweise die Frage auf, was der Schwabe eigentlich sagen würde oder was der Bayer? Auf dieser Basis habe ich das Programm zusammengeschrieben.
Aber wer kann denn besser überleben? Die Rheinländer, die Schwaben, die Bayern oder vielleicht die Berliner?
Beikircher: Die Berliner spielen da keine Rolle. Die kann ich nicht leiden, die haben noch nie irgendwas gemacht. (lacht) Ich glaube, dass die rheinische Mentalität tatsächlich die besten Überlebensqualitäten bietet. Und zwar nicht unbedingt deshalb, weil die Rheinländer schlauer sind als die anderen Deutschen, sondern weil sie weniger deutsch sind als die Deutschen. Die rheinische Mentalität ist mediterran, und das ist wirklich ein Riesenunterschied. Es gibt im Italienischen ein Wort, das heißt „furbo“. Das bedeutet so was wie listig oder schlau leben. Als zum Beispiel in Italien die Gurtpflicht eingeführt wurde, gab es an jeder Tankstelle weiße T-Shirts mit einem schwarzen Querstreifen, sodass der Straßenpolizist bei vorbeifahrenden Fahrzeugen nicht sehen konnte, ob die Menschen so ein Oberteil trugen oder wirklich den Gurt angelegt hatten. Das war „furbo“. Und die Rheinländer sind genauso.
Sie erzählen ja gerne von der Bonner Vergangenheit, von ihren Erlebnissen im Underground, von Demonstrationen und zahlreichen Begegnungen. Bei einigen ihrer letzten Auftritte sind Sie in diesem Zusammenhang auch auf den Hauptstadtbeschluss von 1991 zu sprechen kommen. Inwieweit kann dieses Ereignis als Beispiel für die Überlebenskunst des Rheinländers dienen?
Beikircher: Dieser Beschluss war schon ein schwerer Schlag ins Kontor, das kann man nicht anders sagen. Doch auch da hat die rheinische Mentalität geholfen. Erst mal lagen natürlich alle am Boden, aber dann hat man schnell die Akzente aufs Positive verlegt. Die Regierungsbeamten sind jetzt weg, hat man gesagt, aber wir haben hier in Bonn auf einmal 5000 neue Wohnungen. Damit konnte die Stadt weitermachen. Natürlich ist sie das ein oder andere Mal gestolpert, aber letztlich hat sich Bonn in vielen Bereichen neu erfunden. Die größten Probleme sind eigentlich dadurch entstanden, dass die Stadt es zuvor nie nötig gehabt hatte, um eine Sache zu kämpfen. Früher ging man eben mit dem Köfferchen ins Regierungsviertel, dann ist da Geld reingestopft und im Stadthaus wieder ausgegeben worden. Der Bund hat alles ausgeglichen und bezahlt. Insofern hatte Bonn 50 Jahre lang so eine Art Babyfläschchen, und auf einmal musste die Stadt auf eigenen Beinen stehen. Das hat sie bis heute noch nicht richtig gelernt. Aber ich bin ja Optimist – irgendwann wird sie es schon hinkriegen.
Trotz Ihrer Liebe zu Bonn haben Sie im vergangenen Jahr im Pantheon eingestanden, dass Sie und Ihre Frau zuletzt überlegt hätten, wieder zurück nach Südtirol gehen. Warum?
Beikircher: Das hing ein bisschen zusammen mit der Pandemie, mit finanziellen Schwierigkeiten und der Frage, ob wir den Katharinenhof würden halten können. Wir haben durchaus mit dem Gedanken gespielt, alles hier zu verkaufen und nach Bozen zu ziehen. Das kann man machen, aber da bleibst du letztlich allein, denn für die Südtiroler bin ich mittlerweile eher der Deutsche, also ein Fremdkörper, und diesen Gedanken kriegst du nicht mehr aus deren Köpfen raus. Und darüber haben meine Frau und ich lang diskutiert: Was hält uns hier, was würde uns nach Südtirol ziehen? Am Ende überwogen die Argumente für das Rheinland. Natürlich gibt es hier auch Klotzköpfe. Aber ich werde eine Demo vor der Oper nie vergessen, 1967, da waren wir mit 400 bis 500 Leuten. Jedenfalls tauchten auf einmal 200 oder 300 Polizisten auf und haben uns von der Mauer und vom Bühneneingang der Oper verdrängt. Wir hatten Angst, dass die Beamten wie damals in Berlin mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln gegen uns vorgehen würden. Stattdessen schnappte sich der Einsatzleiter ein Megafon und sagte zu uns Studenten: „Und übrigens, wir sind hier im Rheinland und wir halten uns an unsere Maxime: Bevor wir uns kloppen, können wir uns ja auch direkt vertragen.“ In Berlin wäre so ein Satz undenkbar gewesen, aber hier hat das funktioniert. Und wie. Das sind Erlebnisse, die prägen. Also zumindest haben sie mich geprägt. Und ich habe in meinem weiteren Leben im Rheinland viele ähnliche Erfahrungen gemacht, bei denen Menschen gesagt haben, was sie gerade dachten. Sie sind nicht in eine Rolle geschlüpft, die ihnen vielleicht eine Uniform vorgab, sondern sich selbst treu und authentisch geblieben. Das ist ganz entscheidend. Der Rheinländer darf eben nicht das Gefühl haben, dass du ihm was vormachst. Dann darfst du sogar aus Bielefeld sein. In Südtirol oder in Bayern würde dir das nichts nützen, weil du der Fremde bist und bleibst. So nett du auch persönlich sein magst, du hättest keine Chance, zum Beispiel Bürgermeister zu werden oder in den Stadtrat zu kommen. Das ist hier tatsächlich anders.
Gerade im Moment wird ja wieder relativ viel wieder geklagt in und über Bonn mit all seinen Staus und Baustellen, vermeintlichen Fehlplanungen und politischen Entscheidungen, die so manche vor den Kopf stoßen. Braucht Bonn wieder ein bisschen mehr Rückbesinnung auf das rheinische Lebensgefühl?
Beikircher: Unbedingt. Die schlechte Stimmung in der Stadt hängt, denke ich, unter anderem mit einer übertriebenen grünen Grundhaltung zusammen. Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass man mit dem Verkehr verantwortungsbewusst umgeht. Es muss nicht jedes Auto überall durch Bonn kommen – aber manche grünen Standpunkte sind meiner Meinung nach doch ein bisschen fundamentalistisch geworden. Zumindest der Verwaltung täte es sicherlich gut, ein bisschen rheinischer sein, damit alles geschmeidiger von statten geht.
Auf der anderen Seite heißt es dann typisch rheinisch „Et hätt noch immer jot jejange“ – eine Einstellung, die angesichts mancher Entwicklungen in der Welt immer schwerer fällt…
Beikircher: Ja, klar. Und et hätt auch net immer jot jejange. Aber man sollte die Hoffnung nicht verlieren, wobei mir das Wort Zuversicht in diesem Zusammenhang besser gefällt. Ich habe das einmal erlebt, die Zusammenschau der beiden Antipoden in der rheinischen Mentalität, des Absurden und der Zuversicht. Das war bei einer Beerdigung, und wir mussten warten, weil es war Samstag, da waren vier Bestattungen hintereinander. Und zu uns – wir waren nur acht oder zehn Leute – kam der pensionierte Totengräber des Ortes. Natürlich haben wir irgendwann angefangen, uns über das Sterben und den Tod zu unterhalten. Und da fragte auf einmal der Pfarrer, der bei uns war, den Totengräber: „Sagen wir mal, Sie haben hier 40 Jahre lang Menschen beerdigt. Wie sehen Sie das denn mit dem Sterben?“ Und da hat der, ohne einen Moment zu überlegen, gesagt: „Och, Hochwürden, das mit dem Sterben werde ich auch noch überleben.“ Was für ein Satz! Darin steckt das Absurde, an dem die rheinische Mentalität einfach nur Spaß hat, und gleichzeitig eine unglaubliche Zuversicht. Wer so denkt, der hat das Gefühl, ihm kann nichts passieren. Diese Einstellung ist so fundamental drin bei rheinischen Menschen, dass du dich fragst, wie es hier überhaupt auch nur einen depressiven Patienten geben kann.
Hätten Sie diese Zuversicht auch in Südtirol gehabt?
Beikircher: Nee, die hätte ich nicht gehabt. Ich hätte aber auch in Südtirol nicht überlebt. Das weiß ich ganz genau. Nicht, weil ich mir mich umgebracht hätte oder so was. Nein, sondern weil mich in Südtirol die Engstirnigkeit schon als Kind weggetrieben hat. Ich habe nach dem Abitur den Tag nicht schnell genug kommen sehen, an dem ich die Koffer packen und nach Wien fahren konnte. Dort konnte ich wenigstens atmen und richtig leben. Ich habe drei Semester in Wien nix gemacht, was mit dem Studium zu tun hatte. Stattdessen war ich Kulturdezernent der Südtiroler Hochschülerschaft in Wien und habe Freikarten verteilen können. Täglich Oper, täglich Burgtheater. Irgendwann ist es meinem Vater dann zu viel geworden. Er sagte: „Jetzt musst du mal anfangen zu studieren, weil ich habe bei der Sparkasse in Bruneck gefragt, du kannst dort eine Stelle kriegen.“ Also, das war schlimmer als erschossen werden. Sparkasse Bruneck. Ich. Ich wusste in dem Moment, wie das aussehen würde. Dann bist du am Dienstag beim Stammtisch, am Donnerstag beim Stammtisch und am Samstag und Sonntag bei irgendwelchen Festen. Es wäre ganz furchtbar geworden und ich hätte mich nicht wehren können. Ich hätte mich da vereinnahmen lassen. Und dann wäre ich, so wie man in Südtirol sagt, im Glaserl geblieben. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Deshalb bin ich damals ins Rheinland gekommen. Und was soll ich sagen: Es hat besser geholfen, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.
Info Persönlich
Konrad Beikircher wurde im Dezember 1945 in Bruneck/Italien geboren. 1965 kam er zum Studium der Psychologie, Musikwissenschaften und Philosophie nach Bonn. Er arbeitete zunächst als Psychologe, bevor er als Kabarettist erfolgreich war. Konrad Beikircher ist Vater von fünf Kindern. Mit seiner Frau Anne Siering-Beikircher lebt er auf dem Katharinenhof in Bad Godesberg, der von den beiden auch für Kunstausstellungen und Veranstaltungen genutzt wird.
Die Premiere von „Überleben – wat sonst?!“ findet am 18. April um 20 Uhr im Pantheon statt. Weitere Vorstellungen auf dem Katharinenhof in Bad Godesberg. Karten gibt es bei allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie für die Pantheon-Vorstellung unter www.pantheon.de.
