Etwas andere Restaurantführer
Ess- und Trinkgewohnheiten
Schon seit einiger Zeit gefallen sich immer mehr Nutzer (‚User‘) sogenannter ‚Social Media‘ (Deutsche Übersetzung: ‚Wortmüllhalden‘) in der optischen und verbalen Darstellung ihrer Ess- und Trinkgewohnheiten. Sie fotografieren z.B. sechs selbst gebratene Frikadellen in einer Pfanne und daneben steht ein Glas oder eine Flasche Bier. Die darunter liegende Textzeile ist eher übersichtlich: „Heute mal deftig“. Oder es wird das Foto eines Nudeltellers mit vier Scheiben Tomaten und sieben Krümel Parmesan ins Bild gesetzt, dazu ist ein Glas undefinierbaren Rotweins zu sehen und der Text lautet: „Erinnerung an meinen letzten Italien-Urlaub“.
Das kann man so machen, früher wurden Postkaten aus dem Urlaub geschrieben mit einem Foto des Hotelzimmers, in dem man die Nacht verbracht hatte.
Interessant sind die Reaktionen der Leute, welche die Ess- und Trinkfotos danach kommentieren. Auch dort bleibt die Grammatik im ersten Gang stecken und begnügt sich mit so aussagekräftigen Texten wie „Lecker“ oder „Riecht gut“. Zum Teufel, woher wisst ihr Schwachköpfe eigentlich, ob das schmeckt und wie es überhaupt riecht?“ Habt ihr jetzt schon einen Computer, der auch riechen und schmecken kann?
Gerne werden auch Biergläser und dazu gehörende Billigschnäpse auf der Theke in der jeweiligen Stamm-Kaschemme fotografiert, garniert mit philosophischen Einsichten wie: „Das Leben hat auch seine schönen Seiten“ oder anderen abgekupferten duseligen Kalendersprüchen. Ein früherer Freund von mir ist in diesem Genre verstärkt unterwegs. Warum er alles Ess- und Trinkbare fotografiert, was er anschließend seinem Körper zumutet, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist er auf diese Weise beschäftigt und stellt weniger sonstigen Unfug als früher an. Dass er dabei in seinem vorgeschrittenen Alter inzwischen zur eigenen Karikatur wird, scheint er noch nicht zu bemerken und ich werde es ihm auch nicht sagen.
Nun höre ich schon den Einwand: Du musst es ja nicht gucken oder lesen! Das ist richtig. Aber es hat ja auch einen gewissen Unterhaltungswert, wenn man schaut, wie andere Leute ihre Freizeit mit wenig Sinn, aber viel Fröhlichkeit verbringen.
Außerdem gibt es noch andere Varianten und ‚kulinarische‘ Empfehlungen, die dokumentieren, in welch verworrenen Zeiten wir leben. Dabei denke ich jetzt nicht an traditionelle Restaurantführer wie ‚Micheln‘ oder ‚Gault Millau‘ und auch nicht an gelungene Kochbücher von Wolfgang Siebert im damaligen ‚ZEIT-Magazin‘.
In den USA, dem Land der „unbegrenzten Idiotien und ebenso vielen Idioten“ ist man schon wieder einen Schritt weiter und lässt sich – da man zum Selberkochen zu dämlich ist und die Telefonnummer des Pizzadienstes nicht findet – jetzt von irgendwelchen Promis ihr Lieblingsmenu in einer der konfektionierten Fressbuden, die es dort zu Hunderttausenden gibt, empfehlen. So berichtete kürzlich der SPIEGEL in einem netten Artikel über die Kaulitz-Brüder (Hotel Tokio), mit denen der Fastfood-Platzhirsch McDonald’s wirbt: Es gibt dort ein Tom- und ein Bill-Kaulitz-Menü, beide mit pflanzlichen Fleischersatz-Burgern. Ich behaupte mal etwas unsachlich: Mir wird schon schlecht, wenn ich mir das Musik-Gekröse der gebürtigen Magdeburger anhöre, da muss es mir nicht auch noch von Speise-Empfehlungen der Zwillinge übel werden.
Es funktioniert aber wohl und damit sind wir bei der niederschmetternden Erkenntnis: Keine Idee ist zu bekloppt, als dass sie nicht irgendwie etwas bringt. Im SPIEGEL hieß es weiter: „Doch schnell wird klar: Als Werbeform ist das nicht neu. Schon die US-Sängerin Maria Carey und die südkoreanische Boygroup BTS ließen die Fast-Food-Kette Frittiertes unter ihrem Namen servieren. Vielleicht lässt sich die Werbekampagne als kulturelles Phänomen weiterspinnen: Welcher Promi könnte welches Signature-Gericht bei welcher Fast-Food-Kette bekommen?“
Weiter im lesenswerten SPIEGEL-Beitrag: „Zwei Wortmeldungen und anderthalb Assoziationen später reden wir dann, wir sind schließlich beim SPIEGEL, über Politiker, die sich und ihre kulinarischen Vorlieben offensiv inszenieren. Schröders Currywurst, Steinmeiers Döner – vor allem aber Söders Schlachtplatten. Der bayerische Ministerpräsident führt den Kampf gegen den vermeintlich um sich greifenden Veganismus bei Instagram: Unter dem Hashtag #soederisst fotografiert er die Mahlzeiten vor sich ab, wie SPIEGEL-Redakteurin Anna Clauß schon letzten Sommer schrieb : McRib und Pommes (»Mir schmeckt es sehr«), Schweinshaxe (»Zugegeben: Danach braucht man eine längere Pause«), Sushi-Platte (»PS: Portion natürlich nicht nur für eine Person«). Im Winter wollte er dann gesünder leben, wie er sagte, Deftiges reduzieren – das Essen, nicht das Reden.“
Ich überlege, ob ich mich nicht auch für eine Beschreibung bezahlen lasse, was ich wo gerne esse und trinke. Vielleicht betrete ich demnächst mal eine Burger-Bude, die der polnisch-kölsche Balltreter ‚Po’ Dolski kürzlich in Bad Godesberg eröffnete. Der gute Poldi könnte mich dafür reich entlohnen. Es gibt nur ein Problem: Was passiert, wenn mir das Döner-Gedöns im „Abfütterungs-Kiosk“ nicht schmeckt oder nicht bekommt und ich die Wahrheit schreibe? Wird mir dann für den Würge-Test das Honorar vorenthalten? Bekomme ich Lokalverbot auf Lebenszeit? Fragen über Fragen, die ich vermeiden möchte. Ich glaube, ich gehe da lieber nicht hin, schreibe auch nichts darüber und besuche weiterhin mein unweit gelegenes Lieblingslokal in Bad Godesberg.
Und in Bonn: Der General-Anzeiger beschreibt neuerdings in einer Rubrik, wo lokale Prominenz gerne zum Essen und Trinken hingeht. Das hat für mich zumindest einen informativen Vorteil: Ich weiß jetzt, wo ich selber nicht (mehr) hingehe. Aber wo ich hingehe, verrate ich hier auch nicht. Sonst treffe ich eventuell Leute, die ich lieber nicht treffen würde.
„Bonn(e) appetit et à votre!“
