„Einmal am Rhein…“
Erlebnisgastronomie beim Brunch im Bonner Marriott.
Von R.Wien
„Jeder Esel wird doch älter“: So lautet ein etwas abgegriffener alter Spruch, wenn es darum geht, wie man seinen eigenen Geburtstag gestalten könnte. Und so kam ich am Ende der ersten Juniwoche auf die Idee, mal keine große Fete mit Trallala zu veranstalten. Stattdessen bestellte ich einen Zweier-Tisch für das Sonntagsbrunch im Bonner Vorzeige-Hotel hoch über dem Rhein. Die tolle Aussicht – bei gutem Wetter sogar bis zum Kölner Dom – kann in Bonn wohl kaum eine andere Gastronomie bieten.
Bei unserem Besuch war es allerdings sehr bewölkt, der Dom war nicht zu sehen, was mir immerhin den eventuellen Anblick des wolkigen Kölner Kardinals Woelki ersparte. Aber ich werde unsachlich: Es zogen nämlich andere düstere Wolken im Marriott beim dortigen SonntagsBrunch herauf.
# Entsteigt man dem Aufzug im 17.Stock steht man vor einem Desk, auf dem ein Buch mit den Reservierungen liegt. Hinter dem Desk stand niemand und wir hätten genügend Zeit gehabt, selbst zu prüfen, ob wir reserviert hatten. Als endlich eine jüngere Frau auftauchte und wir den „Frühstücksraum“ betreten durften, führte sie uns an eine Art „Katzentisch“ in der zweiten Reihe, welcher mitten im Durchgang stand. Nach einigen Minuten tauchte eine weitere nett lächelnde weibliche Serviceperson auf, die uns fragte ob wir etwas Sekt möchten. Nachdem ich wohlwollend kopfnickend die Frage beantwortet hatte, goss sie mir doch tatsächlich einen Daumbreit-Schluck Sekt in die Flöte. Ich habe die Service-Elevin gefragt, für wen sich mich halte: Für einen trinkfesten reifen älteren Herrn oder für einen Wellensittich, der seinen Schnabel befeuchten möchte? Sie hat meine Frage natürlich nicht verstanden, aber genau in diesem Moment wurde mir klar, dass an meinem Geburtstag „Erlebnisgastronomie“ im Marriott angesagt war. Pourquoi pas?
# Dann ging es an das Buffet: Vorspeisen, Hauptspeisen, Desserts. Ich mache es kurz und bezeichne das Essen als solide gehobene Hausmannskost mit sparsamen Desserts. Da war nun nichts dabei, was zu der spontanen Bemerkung verführen würde: Das war aber originell und toll, das muss ich bald noch mal genießen. Dennoch: Die Speisen für immerhin € 65,00/Person können mit der Bewertung „Befriedigend(-)“ gerade noch durchgehen.
# Der Service: Erhält von mir die Note „Mangelhaft(-)“. Das orientierungslose Herumgestolpere der ständig grinsenden Servier-Elevinnen verdient von mir als Gutmensch nur Mitleid. Wo bin ich hier? In einem Bonner Spitzenlokal oder im Übungsraum der Dehoga für gastronomische Nachwuchskräfte? Wenn das ständige Klagen vieler Restaurantbesitzer über Mangel an Fachkräften stimmt, dann liefert der Sonntagsbrunch im Bonner Marriott dafür einen glaubhaften Beweis. Auch ein ständig freundliches Grinsen des Service verhindert nicht ein vernichtendes Urteil über mangelnde Kompetenz und Umsicht. So wurden benutzte Teller nur einzeln nach Aufforderung abgeräumt. Zur Verteidigung des Service sei hier allerdings gesagt, dass man der Geschäftsleitung den Vorwurf machen muss, dass es unverantwortlich ist, junge Damen mit einem solch mangelhaften Ausbildungsstand schon auf die Gäste loszulassen.
Gegen Ende meines gescheiterten Geburtstagsbrunch entdeckte ich am anderen Ende des halbkreis-förmigen Gastraums neben der Selbstbedienungs-Kaffeemaschine eine große Sektschale, in der ein paar Sektflaschen eiskalt badeten. Ich schnappte mir eine Flasche, spazierte damit durch das Lokal und füllte auf das eigene Wohl die Gläser. Man muss sich nur zu helfen wissen.
# Zuhause habe ich mir die Mühe gemacht, Bewertungen von Gästen auf der hauseigenen Seite zu lesen. Nach meiner nicht präzisen Einschätzung sind vier Fünftel negativ und die positiven Kommentare sind so unglaubhaft formuliert, dass ich mich frage, wer das geschrieben hat oder/und was das Marriott irgendwelchen Lohnschreibern dafür gezahlt hat.
Hier ein paar nette Beispiel-Formulierungen von Marriott-Gastrobesuchern:
„Der erheiternde Blick auf den Dom lenkt bei gutem Wetter von dem traurigen Blick auf das gastronomische Umfeld im Roof-Top-Restaurant ‚Konrad’ nur teilweise ab. Dahinter steckt wohl Methode“.
„Überteuert/überschätzt“
„Unglaublich schlechter Service für viel Geld“.
„Aussicht grandios, Service mangelhaft“.
ABER AUCH:
„Hochklassig, kreativ und lecker“
(Wer hat das geschrieben? Der Marriott-Hauspoet?)
# Und zum Schluss: Liebe Leute, ich will euch nichts. Ich will nur, dass ihr besser werdet. Und genau dies sollte doch von dem niedrigen Niveau, auf dem ihr gegenwärtig irrlichtert, mit ein wenig Anstrengung möglich sein?
Ich war jedenfalls am 08.Juni 2025 zweimal beim Marriott-Brunch: Das erste und das letzte Mal. Und kommt nicht auf die Idee, mich als Friedensangebot auf einen Drink einzuladen.
Warum? Weil ich nicht kommen werde!
15.06.2025
